Notabene Helmut Hubacher Unser gemeinsames Haus

Helmut Hubacher, 89, ehemaliger SP-Präsident und Buchautor, ist Fan von Papst Franziskus und lobt dessen jüngste Botschaft zum Umweltschutz. Seine letzte Kolumne für die «Schweizer Illustrierte».

Wie viele Divisionen hat der Papst?» Mit dieser Frage hatte Stalin als Diktator der kommunistischen Sowjetunion auf seine Art den Vatikan disqualifiziert.

Der Papst hat nur als moralische Autorität Macht. Die zeitweise schmerzlich vermisst wurde. Ich denke etwa an die verheimlichten Missbrauch-Skandale durch das Bodenpersonal des Heiligen Vaters. Oder an das Versagen im Zweiten Weltkrieg. Als sich der Vatikan beschämend opportunistisch mit dem Mussolini-Faschismus arrangiert, als der Papst zu den Judenverfolgungen und Konzentrationslagern im Dritten Reich geschwiegen hatte. Rolf Hochhuth holte diese Schande vor dem Herrn mit seinem Bühnenstück «Der Stellvertreter» ins öffentliche Bewusstsein zurück.

Papst Franziskus hingegen fasziniert mich auch als Nichtkatholik. Es ist seine Art, wie er das Amt ausübt, wie er lebt. Bescheiden ist für mich nicht das richtige Wort. Das ist in dieser pompösen Kulisse gar nicht möglich. Aber Papst Franziskus verzichtet auf unnötigen Prunk. Er bricht aus Traditionen aus, die gegen alles verstossen, was heilig war. Dieser Papst ist als moralische Autorität glaubwürdig. Das beeindruckt die Menschen weit über seine Kirche hinaus.

Papst Franziskus verlässt sich nicht allein auf den lieben Gott

Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Anstehende oder erwartete Reformen sollten lieber schon gestern als heute erfolgen. Bereits haben sich ungeduldige Stimmen gemeldet, Papst Franziskus lasse seinen Worten zu wenig Taten folgen. Als ob es im Vatikan diesen rückständigen, teils reaktionären Klerus nicht gäbe, mit Strukturen, die das System in Jahrhunderten gefestigt haben. Die halten einiges aus. Aber es ist nun ein «Chef» da, der seine Kirche näher an die Gläubigen heranführen möchte. Weg von einem Moralkodex, der sie ständig mit ihr in Konflikt bringt. Mir imponiert, wie dieser Papst Tabus abräumt. Ich denke da an seine jüngste Botschaft, Enzyklika genannt.

Papst Franziskus verlässt sich nicht allein auf den lieben Gott. Er hat mit seiner Enzyklika ein Öko-Manifest verkündet. Zusammen mit einem Naturwissenschafter. Das hat es im Vatikan so noch nie gegeben. Und diese «Firma» hat gemäss dem Kalender zwei Jahrtausende hinter sich. Um was geht es?

Neben dem Papst sass auf dem Podium Deutschlands bekanntester Klimaforscher, Hans Joachim Schellnhuber. Er ergänzte mit seinen Ausführungen, wieso sich der Papst mit der Enzyklika zum Klimawandel äussert. Der Deutsche redete auch im Vatikan Klartext. Da wird nicht gerätselt, ob es den Klimawandel gibt oder nicht. Ob er von Menschen gemacht wird oder ob die Natur schon immer diese Wetterkapriolen vollführt hat. Die Klimaerwärmung sei hausgemacht. Es helfe überhaupt nicht weiter, das leugnen zu wollen. Der Papst hat sich dem angeschlossen. Aber es ist seine Enzyklika, es ist sein Appell an die Menschheit.

Zwei Zitate daraus: «Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so schlecht behandelt und verletzt wie in den beiden letzten Jahrhundert.» - «Wenn jemand die Erdenbewohner von aussen beobachten würde, würde er sich über ein solches Verhalten wundern, das bisweilen selbstmörderisch erscheint.»

Der Politik wirft der Papst vor, zu schwach auf «die grösste Herausforderung unserer Zeit» einzugehen. Sie habe sich dem Diktat der Finanzmärkte und der Wirtschaft unterworfen. Der «vergötterte Markt dominiert alles». Dieser Markt fordert immer noch mehr Wachstum, noch mehr Gewinn, noch mehr Verschwendung im reichen Westen. Auf Kosten der Natur und Umwelt.

Das alles ist bekannt. Neu hat sich nun auch Papst Franziskus mit seinem Öko-Manifest zu Wort gemeldet.

Gegen Ende Jahr findet in Paris ein Klimagipfel statt. Viel Zeit zum Streiten, wie bedrohlich die Klimaerwärmung sei oder nicht, bleibt nicht mehr. Es mag ja sein, dass sich Tausende Klimaforscher irren. Dass wir uns alle täuschen, obschon Unwetter auch in der Schweiz verheerender geworden sind. Mir wäre lieber, den Verantwortlichen beim Krisengipfel in Paris würde etwas zu denken geben: dass nun auch der Papst vor der Klimaerwärmung warnt. Sie als «grösste Herausforderung» sieht. Vielleicht hat seine moralische Überzeugungskraft mehr Wirkung als politische Argumente.

Es sagt sich so leicht, die Hoffnung stirbt zuletzt. Und doch möchten wir hoffen dürfen, die Staatengemeinschaft werde doch noch das Nötige gegen die bedrohliche Klimaerwärmung tun. Konkret, nicht auf dem Papier. Um «unser gemeinsames Haus» zu schützen.

Helmut Hubachers Kolumnen erscheinen im Herbst im Zytglogge-Verlag - mit einem Vorwort von Frank A. Meyer.

Im Dossier: Alle Beiträge der «Notabene»-Autoren Helmut Hubacher, Chris von Rohr und Pedro Lenz

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