Notabene von Helmut Hubacher Geistige Nichtschwimmer

Helmut Hubacher, 87, ehemaliger SP-Präsident und Buchautor, über Politiker und ihre Aussagen.

Sagen Politiker, was sie denken? Die einen, ja, andere nicht. Es gibt nicht die Politiker. Es gibt solche, die votieren taktisch. Um den Brei herum. Andere reden und reden, sagen aber nichts. Am liebsten sind mir die Draufgänger, bei denen ich weiss, woran man ist.

Der legendäre Bundesrat Willi Ritschard hatte seinen unverwechselbaren Stil: «Ich habe ein schlechtes Gedächtnis. Weil das so ist, kann ich nicht lügen. Ich wüsste nämlich nicht mehr, was ich vor drei Wochen gelogen hätte. Also sag, was du denkst! Dann kannst du dir nicht widersprechen. Dann kann man mir nicht vorhalten, kürzlich hätte ich aber gerade das Gegenteil gesagt.»

Sie behaupten doch nicht etwa, das gesagt zu haben, was Sie denken?

Geblieben ist mir ein Streitgespräch mit FDP-Nationalrat Ernst Cincera am Radio. Für uns Linke war er der Schnüffler der Nation. Cincera führte ein Archiv über angebliche Subversive. Nach der Debatte meinte er: «So, das Theater wäre zu Ende.» Ob das für ihn Theater gewesen sei, wollte ich wissen? «Sie behaupten doch nicht etwa, das gesagt zu haben, was Sie denken?»

Im Nationalrat habe ich gute Rhetorik genossen. Etwa wenn FDP-Nationalrat Otto Fischer vom Schweizerischen Gewerbeverband sprach. Er war einer der wenigen, die ohne Manuskript vor dem Mikrofon standen. «Ich lerne meine Reden daheim vor dem Spiegel auswendig», hatte er mir mal anvertraut.

Der freisinnige Bundesrat Hans Schaffner lief, wenn er argumentativ in Bedrängnis geriet, zur Hochform auf: «Herr Nationalrat, was Sie da soeben gesagt haben, ist so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil stimmt.» Bundesrat Willi Ritschard pflegte eine einmalige Bildersprache: «Ich vergleiche gewisse Politiker mit den Meteorologen. Nach deren Meinung sind ihre Voraussagen richtig, nur das Wetter ist ständig falsch.»

Amüsant ist, wie Moritz Leuenberger den Kompromiss erklärt. Im Bundeshaus sei gewerweisst worden, ob der Zug Bern-Zürich in Olten halten solle oder nicht. «Der Kompromiss: Wir fahren ganz langsam durch.» Das Lästermaul Christoph Mörgeli buchte den «Fall Carlos» auf sein SVP-Konto. Dass die Jugendanwaltschaft im Monat 29 000 Franken vertherapiert habe, sei eben typisch linke Verwöhnpraxis. Daraus zog er in der «Weltwoche» den abstrusen Schluss: «Eltern sind verunsichert, ob sie ihren Söhnen nicht das Berufsbild Schwerkrimineller ans Herz legen sollten. Denn so rasch kommt kein Jugendlicher zu einem Luxusleben mit Rundum-Coaching und Viereinhalb-Zimmer-Wohnung.»

Der für «Carlos» zuständige Jugendanwalt hat sein Therapie-Rezept verfilmen lassen. Und der Nation am Bildschirm vorgeführt. Man hätte ihn vor sich selber schützen müssen. Zelebriert wurde, was man auf Französisch «déformation professionelle» nennt. Als ob das alles selbstverständlich wäre: 140 Franken Sackgeld pro Woche, dazu im Monat 500 Franken für Freizeitaktivitäten. Thaiboxen als Therapie, Armani-Deo für die gute Laune, grosse Wohnung als Wohlfühloase und zehn Betreuer. Dieser Film löste Kopfschütteln und Wut aus. Für Mörgeli war sofort klar, wer für eine solche Luxustherapie verantwortlich ist: natürlich die SP mit ihrer «Kuscheljustiz», die es gut meint mit üblen Tätern. Ein Dreiergericht hat das hohe Budget bewilligt. Was Mörgeli wohl für unmöglich gehalten hat: Zwei von den drei Richtern haben das SVP-Parteibuch. Nein, das Gerücht, Mörgeli sei im Kloster untergetaucht, stimmt nicht.

Korpskommandant Alfred Ernst hatte Ungewöhnliches riskiert. Öffentlich lehnte er einen Rüstungskredit für das Radarüberwachungssystem Florida ab. Deshalb beantragte ich, ihn in der Militärkommission anzuhören. Da wurde EMD-Chef Rudolf Gnägi hellwach: «Das kommt überhaupt nicht infrage. Die Armeeführung hat dem System zugestimmt. Beschlossen ist beschlossen. Die Minderheit hat sich zu fügen. Und hat zu schweigen. Punkt. Anders kann man eine Armee nicht führen.» Der schlaue Kommissionspräsident Leo Schürmann von der CVP parierte Gnägis Veto souverän: «Dann laden wir halt alle sieben Korpskommandanten ein.»

Füsilier Tschudi, später Bundesrat, war auf Befehl in Deckung gegangen. Hinter einem Apfelbäumchen. «Das ist doch keine Deckung», tönte es zurück. «Herr Hauptmann, bis der Krieg ausbricht, ist der Baumstamm dick genug.» Bundesräte haben bis zum Gehtnichtmehr behauptet: «Das Bankgeheimnis ist nicht verhandelbar.» Jean Ziegler motzte: «Geistige Nichtschwimmer.»

Sie müssen doch zugeben, Politik ist gar nicht so langweilig, wie stets behauptet wird.

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