Notabene Helmut Hubacher Anrufe spät in der Nacht

Der ehemalige SP-Präsident und Buchautor Helmut Hubacher, 87, über sein Leben als Politiker.

Darf ich über Politik mal anders berichten? Nur Privates. Was man als Nationalrat so alles auch noch erlebt. Es begann mit dem Professor. Wir trafen uns morgens öfter im gleichen Café. Nach kurzer Konversation las jeder seine Zeitung. So weit war dieser Professor normal. Bis ich auf einmal Nationalrat wurde. Dann änderte er sein Benehmen. Wenn ich das Café betrat, stand er auf. Um mit seiner «Gäxistimme», wie Grossmutter gesagt hätte, mich laut mit «Guten Tag, Herr Nationalrat» zu begrüssen. Mir war das peinlich. Ich bat ihn, mich doch einfach wie früher anzureden. Ohne aufzustehen und ohne das Nationalrats-Gschiss. Er hatte kein Musikgehör. So hab ich dann halt das Café gewechselt. Wenn wir uns in der Stadt begegnet sind... Sie wissen schon.

Während der Sessionen im Bundeshaus kaufte ich meine Lektüre am Kiosk in der Neuengasse. Die Verkäuferin begrüsste mich stets mit «Herr Professor». Alles Reklamieren nützte einen Dreck. Irgendwann gibst du auf. Jahre später hat mir die Frau ihren Trick verraten. Sie hat alle Parlamentarier mit Professor angesprochen. Keiner sei deswegen beleidigt gewesen. Mit ihrem schlechten Namensgedächtnis sei das «gäbig», lächelte sie mich auf Berndeutsch an.

Telefonierer können unangenehm sein. Vor allem wenn sie mich nachts um jede Uhrzeit geweckt haben. Um dann aufzuhängen. Da bleibt nur die Fangschaltung übrig. Ein besonders Lästiger rechtfertigte sich damit, ich hätte ihn im Tram lange angeschaut, aber nicht gegrüsst. Ich hatte den Mann vorher noch nie gesehen. Einer schikaniert mich noch heute. «Nur» noch alle paar Wochen. Dafür pünktlich. Immer um 3.55 Uhr.

Ein Unbekannter nahm im Tram mir gegenüber Platz. Und zündete trotz Rauchverbot eine Zigarette an. Um mir den Rauch direkt ins Gesicht zu blasen. Das war eine Kampfansage. An der nächsten Haltestelle wartete ich etwas ab, stand plötzlich auf und nahm ihm den Rauchstängel weg. Kaum war ich draussen, blieb die Tür geschlossen. Mein Gegenüber konnte nur noch mit der Drohfaust reagieren. Gret schimpfte, als ich es ihr erzählt habe. «So einer könnte gewalttätig werden.» - «Stimmt. Aber ich lasse mir nicht alles bieten», bellte ich zurück.

Perfid sind versteckte Morddrohungen. «Ein Eidgenosse» schickte mir meistens bei Vollmond einen Brief mit einem Schuss Munition. Und beschrieb, wie er mich im Visier hatte: «Um 12.05 Uhr sind Sie in den ‹Hirschen› gegangen. Um 13.55 Uhr haben Sie ihn verlassen, um den Zug 14.10 Uhr nach Zürich zu nehmen.» Für solche Fälle hat mir die Polizei geraten, sie zu informieren. Nicht jedoch die Medien.

Mal bekam ich ein Päckchen ohne Absender, ohne leserlichen Poststempel Beim Schütteln gabs komische Geräusche. Ich übergab es abmachungsgemäss der Polizei. Sie öffnete es im «Bunker». Ein Freund aus Ascona hatte uns Marroni in Cognac geschickt.

Ein Unglück kommt selten allein, zuerst der Stich und jetzt dieser Hubacher

Während drei Wochen brachte uns der Paketbote unbestellte Ware: ein Set für Lachs, Frotteewäsche im Dutzend, Vorhänge für ein ganzes Haus, eine Jazztrompete, eine Magnumflasche Wein für 925 Franken, ein teures Medizinlexikon, eine Küchenmaschine Modell Wunder. Und vieles anderes dazu. Insgesamt für 30 000 Franken. Allen Lieferanten schrieb ich, sie könnten die Ware bei uns abholen. Nur der Weinhändler aus Genf bat um Retournierung. Sonst hatte sich niemand gemeldet. Nach drei Jahren verteilten wir das Zeug. Mit der Jazztrompete als Renner.

In den 60er-Jahren hatte ein Buchhändler in Basel Probierbücher angeboten. Auch einem Betonfabrikanten. Der sich vergeblich beschwert hatte. Als er erneut unbestellten Lesestoff erhielt, revanchierte er sich. Er liess vor der Buchhandlung einen Lastwagen mit Betonröhren abladen. Das wirkte.

1982 unternahm ich mit einer Delegation der SP Schweiz eine Informationsreise in die DDR. Die besorgten politischen «Freunde» von der Konkurrenz erkannten darin einen Verrat am Vaterland. Das gehöre sich nicht. Vor vier Wochen schickte mir eine Frau aus Laufen ein Buch über die DDR. Damit ich mich für meine «Pilgerreise» schäme. Nach 31 Jahren!

Vor Jahren passierte mich in den Berner Lauben ein Mann. Halblaut, sodass ich ihn hören konnte, meinte er: «Ein Unglück kommt selten allein. Zuerst der Stich und jetzt dieser Hubacher.»

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