Notabene Helmut Hubacher Kaufen - nicht kaufen?

Helmut Hubacher, 88, ehemaliger SP-Präsident und Buchautor, über Wirtschaftswachstum, Konsum und freie Marktwirtschaft.

Ich blättere in einem Katalog. Beim Alpakapullover aus den Anden in Bolivien werde ich hellwach. «Handgefertigt, weich wie Seide, strapazierfest wie Baumwolle und ähnlich warm wie Kaschmir», lese ich. Meine Gret ergänzt, Alpakawolle sei einfach spitze. Der Pullover kostet entsprechend. Mit meinen drei Winterpullovern besteht an sich kein Bedarf. Wobei Alpaka-Qualität schon etwas Besonderes wäre. Die Vernunft legt dessen ungeachtet ihr Veto ein.

Mich erinnert die Story an den Kleiderverkäufer Boschetti. Er hat vom lieben Gott den Charme des unwiderstehlichen Verführers mitbekommen. Wer im Soussol einkaufen wollte, durchquerte seine Abteilung. Wieder einmal hatte er mir seine allerneuste Kollektion aus Mailand angeboten. Wie immer modisch elegant und unschlagbar günstig. Nicht zuzulangen, hiess, eine einmalige Gelegenheit verpasst zu haben. Mir gelang es gleichwohl, standhaft zu bleiben: «Herr Boschetti, ich brauche nichts.» Er antwortete: «Was heisst, ich brauche nichts? Wenn ich nur noch verkaufe, was die Herren brauchen, muss ich meinen Laden schliessen.»

Da hat der Meister ins Schwarze der Marktwirtschaft getroffen. Denn die funktioniert nach der Mengenlehre des maximalen Konsums, ob die gekaufte Ware gebraucht wird oder nicht. Es gilt die Devise: immer mehr und noch mehr. Vom Dorfladen bis zum Multikonzern will der Chef in der Jahresbilanz nur das eine herauslesen: mehr Umsatz als im Vorjahr.

Wenn ich nur noch verkaufe, was die Herren brauchen, kann ich meinen Laden schliessen


Die freie Marktwirtschaft ist das Prunkstück des Kapitalismus. Sie ist unglaublich produktiv, innovativ und konkurrenzlos leistungsfähig. Zugleich hat sie etwas Ruinöses. Unaufhörliches Wachstum erzeugt Überfluss und Verschwendung. Bekanntlich landet in reichen Ländern fast die Hälfte der Lebensmittel im Abfall. Produkte aus Billiglohnländern überschwemmen den Weltmarkt und führen zu Überkonsum. Diese Nebenwirkungen des Wachstumswahns gehören zum System. Nur gleich viel Umsatz wie im Vorjahr bedeutet Stagnation. Stagnation ist Stillstand. Den erträgt die Marktwirtschaft schlecht. Stillstand ist fast schon Krise.

China zum Beispiel. Es hat nicht die freie, sondern eine staatskapitalistisch organisierte Marktwirtschaft als Kopie des westlichen Modells. Seit zwei Jahrzehnten mit einem geradezu sensationellen Wachstum. Das Peking zeitweise in einen Smog einhüllt, der den Leuten den Atem verschlägt. Den Preis dieses Wachstums zahlen Umwelt und Natur. Langsam wächst bei der Regierung die Einsicht, dass es in einer kaputten Umwelt keine blühende Wirtschaft geben kann.

Bekanntlich gibt es keine dummen Fragen, nur unbequeme Antworten. Also frage ich: Ist unbegrenztes Wirtschaftswachstum für weitere Jahrzehnte sinnvoll? Ist es noch zu verantworten? Hält das Mutter Erde aus? Wachstum ist Raubbau an Rohstoffen, ist Raubbau an Umwelt, Natur und Klima. Das sieht Avenir Suisse als Denklabor der Wissenschaft offenbar anders.

Als Linker bin ich gelegentlich über aufmüpfige Ideen dieses Denklabors verblüfft. Sie verraten relative Unabhängigkeit vom Auftraggeber. Unbequemes muss sein, sonst macht ein Think-Tank keinen Sinn. Zum Wirtschaftswachstum hingegen verkündet Gerhard Schwarz als Direktor von Avenir Suisse die übliche Jubelarie: «Ohne Wachstum ist es kaum möglich, die Renten zu sichern.» Dann schweift er ab und beklagt den «heute gering geschätzten Wohlstand». Um zur Schwarzmalerei überzugehen: «Besonders explosiv wird das Gemisch, wenn sich Wohlstandsverwöhnung in ausgeprägter Wachstumsmüdigkeit, ja Wachstumskritik äussert – das könnte das Erfolgsmodell Schweiz in seinen Grundfesten erschüttern» («Schweiz am Sonntag», 28. 12. 2014). Kritik soll gefährlich für das Erfolgsmodell Schweiz sein? Diese Behauptung hätte Gerhard Schwarz gescheiter unterlassen. Demokratie braucht Kritik wie der Fisch das Wasser.

Meine Schreibe über Wachstumsschäden lässt mir beim Alpakapullover keine Wahl mehr. Ich muss auf das Wachstum in meinem Kleiderschrank verzichten. Man soll ja im Kleinen mit gutem Beispiel vorangehen. Auch wenn das in dieser globalisierten Wirtschaftswachstumswelt nichts bewirkt. Persönliche Einsicht kann nie schaden. Allerdings ist damit mein Alpakaproblem nicht gelöst. Bleibt es beim Verzicht? So ganz sicher bin ich mir nicht. Man(n) ist ja so gerne unvernünftig.

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