Notabene Helmut Hubacher Hört das denn nie auf?

Helmut Hubacher, 87, ehemaliger SP-Präsident und Buchautor, über die Schweizer Armee, die seit der unsäglichen Mirage-Affäre nicht mehr richtig erholt hat.

Ich bin in diese Armee als Rekrut eingetreten und habe sie Jahrzehnte später als Füsilier verlassen. Erst in der Politik hat sie mich so richtig interessiert. 1963, also vor genau 50 Jahren, nahm ich zum ersten Mal im Nationalrat Platz. Und landete schon ein Jahr danach im Mirage-Skandal. In der bis heute wohl grössten Krise der Armee. Was war passiert?

Das Parlament hatte einen Kredit für 100 französische Mirage-Kampfflugzeuge bewilligt. Nach drei Jahren zeigte sich, das Geld reichte nicht aus. Der Kredit wurde um den gleichen Betrag aufgestockt. Ein unerhörter Vorgang. Aber es kam noch schlimmer. Für den um 100 Prozent erhöhten Kredit bekam die Luftwaffe nicht die einst beschlossenen 100 Mirage-Kampfjets, sondern nur noch 57. Daraufhin rollten Köpfe: Der Generalstabschef, der Luftwaffenkommandant und der EMD-Chef mussten den Hut nehmen. Was hatte diese Kostenexplosion ausgelöst.

Der Mirage-Affäre folgten mit zuverlässiger Regelmässigkeit weitere Pannen

Diese Mirage-Kampfflieger waren ab Stange bestellt und im Preis auch so berechnet worden. Dann kamen die Besserwisser zum Einsatz. Das Flugzeug wurde «helvetisiert», wie das im Militärjargon heisst. Aus einem VW sei ein Mercedes geworden, hatte mir ein Konstrukteur erklärt.

Nach der Mirage-Affäre folgten mit zuverlässiger Regelmässigkeit weitere Pannen. Als ob sich die Armeeführung darauf spezialisiert hätte. Die letzte ist von der «NZZ am Sonntag» vom 3. 11. 2013 mit dem Titel aufgemacht worden: «Totales Versagen der Armeeführung». Es wurde wieder mal der Ernstfall geübt. Mit dem grösstmöglichen Misserfolg. Wie ein Kontrollbericht nachgewiesen hat.

Der Weg zur Hölle ist bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert. 1989 hat der Bundesrat in einem Bericht festgehalten: «Die Schweiz hat nicht eine Armee, sie ist eine Armee.» Mit diesem militärischen Halleluja zogen die helvetischen Patrioten in den Kampf gegen den inneren Feind. Gegen jene «Verräter», die mit einer Volksinitiative die Armee abschaffen wollten. Das wurde vom Stimmvolk zwar abgelehnt. Aber 36 Prozent hatten Ja gestimmt. Von diesem Sieg hat sich die Armee nie mehr erholt.

Damit will sich VBS-Chef Ueli Maurer nicht abfinden. Er übernahm das Departement 2008 in einem lausigen Zustand. Um aus diesem Loch herauszukommen, setzte er zum Höhenflug an. Mit seiner «besten Armee der Welt». Abgehoben hat sie nur in Maurers Wunschtraum. Real beurteilt ist der geplante Überflug auf der Startbahn stecken geblieben. Hätte Verteidigungsminister Maurer nicht noch den Sport zu betreuen, müsste er verzweifeln. Die Armee bleibt ein Himmelfahrtskommando.

Dabei hat diese Armee im Volk doch noch immer einen relativ starken Rückhalt. Das zeigte die noch nicht lange zurückliegende Abstimmung über die Wehrpflicht. Sie sollte mit einer Initiative abgeschafft werden. Die Mehrheit legte dagegen ein klares Nein ein. Wenn die Armee wirklich für die äussere Sicherheit, also für die Landesverteidigung zuständig sein soll, dann nicht mit einer Freiwilligentruppe. Landesverteidigung ist doch keine freiwillige Angelegenheit, so der Tenor.

Gibt es eine Erklärung, weshalb ausgerechnet die Milizarmee permanent entgleist? Weshalb es ihr nicht gelingt, sagen wir mal drei Jahre pannenfrei zu überstehen? Ich will versuchen, die Frage zu beantworten.

Beschliesst ein Verlag, eine neue Zeitung herauszugeben, wird mit Probenummern geübt. Journalisten reden von «Nullnummer». Würde eine Redaktion nur immer Nullnummern redigieren, gäbe das wohl psychische Blessuren. Das würde aufs Gemüt schlagen. Schliesslich wollen Journalisten gelesen werden.

Genau in dieser Situation steht die Armeeführung. Ihr Job ist der Krieg. Ist die Verteidigung des Landes gegen einen Angreifer. Doch hat es seit 200 Jahren keinen Angriff auf die Schweiz mehr gegeben. Deshalb wird der Ernstfall immer nur simuliert. Weil es dabei nie um Sein oder Nichtsein geht, setzt der Schlendrian ein. So sind in den 70er-Jahren Panzer 68 beschafft worden, obschon die zuständige Fachkommission ihn wörtlich für «kriegsuntauglich» erklärt hatte. Machte nichts, für Manöver genügte er alleweil.

Heinz Häsler war mal Generalstabschef. «Es ist weit und breit kein Feind in Sicherheit», jammerte er. Ohne ihn ist eine Armee verloren. Und die «beste Armee der Welt» wird zum Albtraum.

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