Notabene Helmut Hubacher Der Dorfpfarrer im Vatikan

Der ehemalige SP-Präsident und Buchautor Helmut Hubacher, 87, über Papst Franziskus.

Wer so schreibt wie Papst Franziskus, will etwas verändern. Ihm passt nicht, was er angetroffen hat. Das beweist sein Vatikanisches Manifest «Evangelii Gaudium - Freude des Evangeliums». Neun Monate nach Amtantritt ist es eine Art Regierungserklärung. Zwei Kostproben:

  • «Ein Verkäufer des Evangeliums darf nicht ständig ein Gesicht wie an einer Beerdigung haben.»
  • «Die Priester erinnere ich daran, dass der Beichtstuhl keine Folterkammer sein darf, sondern ein Ort der Barmherzigkeit des Herrn.»

Das sind ungewohnte Worte. Noch ungewöhnlicher ist, Franziskus hat die 256 Seiten selber geschrieben. Ohne Mitarbeit der für die Lehre zuständigen Glaubenskongregation. Sie ist die Behörde der Inquisition. Die einem Hans Küng oder Befreiungstheologen in Südamerika die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen hat. Dieser klerikalen Zensur hat sich Papst Franziskus nicht unterworfen. Das unterscheidet ihn von seinem Vorgänger Benedikt XVI. Der als Kardinal Chef der Glaubenskongregation war.

Zum Rundschreiben von Franziskus meint «Die Zeit» aus Hamburg: «Jetzt lesen nicht nur Gläubige ungläubig, dass dem Papst eine ‹verbeulte Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Strassen hinaus-gegangen ist›, näher steht als eine Kirche, ‹die aufgrund ihrer Verschlossenheit und Bequemlichkeit krank ist›.»

Der an sich mächtige Chef der Glaubenskongregation ist ein Vertrauter von Benedikt. Unter dem neuen Papst sitzt er auf der Ersatzbank. Franziskus hat acht Kardinäle als seine Berater ausgewählt. Man nennt sie die G 8. In Anlehnung an den G-20-Gipfel in der Weltpolitik. Schon kursiert im Vatikan der Vergleich mit Gorbatschow, der im Kreml zu Moskau den stalinistischen Machtapparat zerschlagen hatte.

Der Vatikan wird oft als Kreml der katholischen Kirche angeführt. Die alten Seilschaften kommen aus dem Staunen nicht heraus. Ihr neuer Chef wohnt im Gästehaus Santa Marta, nicht im «Palast». Weil er unter den Leuten leben will, so Franziskus. «Ich würde sonst trübsinnig», fügt er hinzu. Er frühstückt im Gästehaus. Ohne etwa einen reservierten Platz zu haben. Man sitzt einfach gemeinsam am Tisch. Vor dem Advent hat sich der Papst für die Predigt angezogen wie ein Dorfpfarrer. Statt das goldbestickte Messgewand trug er den schlichten Chormantel in Violett.

Neulich hat Franziskus von oben zu den Gläubigen unten auf dem Petersplatz gepredigt. «Jetzt möchte ich euch zu einer Medizin raten», rief er ihnen zu. Und hielt eine Medizinschachtel mit dem Schriftzug «Misericordia» (Barmherzigkeit) in der Hand. Davon hat er 25'000 Schachteln verteilen lassen. Mit einem kleinen Rosenkranz darin.

Die Vatikanbank ist kein kirchliches Schmuckstück. Sie stolperte von einem Skandal in den nächsten Korruptionsfall. Auch die Mafia war schon Kunde. Papst Franziskus hat sieben Laien und einen Priester beauftragt, sie trockenzulegen. Und auch sonst einiges im Kirchenstaat zu überwachen. Zu den Experten gehört sogar eine 30-jährige Juristin.

Seine Gegner attackieren ihn als Traditionszertrümmerer. Er werde die Kirche ruinieren

Auch sie fällt aus dem bisherigen Rahmen. Seine Gegner attackieren ihn als den «Traditionszertrümmerer». Der diese Kirche noch ruinieren werde. Im Vatikan ist eine revolutionäre Verschwörung im Gang. Das Besondere und bisher Undenkbare ist, der «Boss» höchstpersönlich hat sie angezettelt. In den Reihen der alten klerikalen Nomenklatura fragt man sich fassungslos, wann dem 76-Jährigen «wohl die Luft ausgehen wird».

Papst Franziskus will eine Reform der Kirche auf allen Ebenen. Er wird auch gesellschaftspolitisch deutlich: «Der Mensch wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann. Diese Wirtschaft tötet.»

Der für die Logistik zuständige Kirchenmann ist stark gefordert. «Die Gläubigen rennen diesem Papst die Bude ein», frohlockt er. Sei es auf dem Petersplatz oder im Petersdom. Überall herrsche ein hoffnungsvolles Gedränge wie seit Jahren nicht mehr. Selber nimmt sich auch Franziskus zurück: «Ich glaube nicht, dass man vom päpstlichen Lehramt eine endgültige Aussage in allen Fragen erwarten muss, die die Kirche und die Welt betreffen.»

Papst Franziskus fasziniert nicht nur seine Gläubigen. Er hat schon mehr bewegt, als ihm zugetraut wurde.
 

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