Annina Campell - «Brief an meinen Mann» «Ich bekomme Hühnerhaut»

Die Bündnerin Annina Campell ist Mutter einer Tochter, moderiert «SRF bi de Lüt live» und seit März die rätoromanische «Tagesschau». In ihrer Kolumne wendet sie sich diese Woche an ihren Mann, der ihr trotz Windeln wechseln und SMS schreiben mit seinem Blick eine Hühnerhaut verpasst. 

Diese Augen – so blau. Dieser Blick – so tief. Ich bekomme Hühnerhaut, und ha! Da haben wirs – ich werde verlegen! Wegen eines Blicks in die Augen. Von ihm!

Lange ists her, dass ich in den tausend Kleinigkeiten des Alltags die Aufmerksamkeit hatte, in die Augen zu schauen – so richtig. Den Blick zuzulassen.

Wo ist der Deckel zur Flasche? Habe ich frische Windeln? Was war da noch für eine SMS – ich muss noch schnell antworten. Ach, die Kleine schreit – wo ist sie denn? Welche Jacke brauchen wir nun, und soll das Snuggly mit, oder doch nur der Buggy? Wir sind wieder viel zu spät dran...

Was früher eine Kleinigkeit gewesen ist, mutiert zu einer unlösbar scheinenden Aufgabe

Diese Zeilen in einer Millisekunde durchgelesen und bis ins Unermessliche weitergezogen, so gehts in etwa zu und her im Köpfchen der Mamma. Ach ja, und dann war da noch diese eine Mail, die ich schreiben muss – eine einzige! Seit drei Tagen! Wichtig! Aber nein! Ich habs noch nicht geschafft zu antworten! Was früher eine Kleinigkeit gewesen ist, mutiert zu einer unlösbar scheinenden Aufgabe, wenn so ein kleiner Stinker im Leben dazukommt. Da soll mir bloss einer abends heimkommen und erklären, wie anstrengend sein Tag war.

Diese Haltung, diese Niemalszu-realisierende-to-do-list, das Gefühl, nicht mithalten zu können, wird zum Dauerzustand. Ja, man meint regelrecht, die Zeit laufe einem davon – und winkt noch frech dabei. Alles dauert plötzlich länger, und die Frage nach dem freien Willen ist nun definitiv geklärt: Es gibt ihn nicht! Mit freundlichen Grüssen an alle Philosophen, die noch daran herumstudieren. Zumindest sicher nicht mit Kleinkind.

Denn du bist ja da. Also werde ich nach dem Urlaub deinen Blick wieder öfter suchen

So inkorporiert sie sich ganz langsam, die Gestresstheit, wenn man nicht aufpasst und zu viel um die Ohren hat, seit das Baby da ist und der Alltag sich einpendelt. Der Mann kann so viel machen, wie er will – Mutti macht immer mehr. Immer! Capisch?! Nicht, dass es wichtig wäre. Aber es ist so. Und soll bitte so anerkannt und ab und zu mit Blumen honoriert werden. Danke, Schatz – du machst das super! Um diesen Fakt (was Mutti alles tut) zwischen den Zeilen – also in der nonverbalen Kommunikation des Alltags – noch ein bisschen zu unterstreichen, kann das Meiden von Blickkontakt unbewusst auch eine Form der Mitteilung sein. «Ich hab den Kopf grad voll! Genug, also, bitte nicht noch mehr anbringen.»

Schade eigentlich, denn jetzt, wo du mir so tief in die Augen schaust, wo ich deinen Blick wirken lasse, ihn aufnehme und entgegne, jetzt merke ich, wie entspannend er ist. Wie viel Halt darin steckt. In einem einzigen, langen, tiefen Blick in deine wasserblauen Augen. Mein Mann und Vater unserer Kleinen. Jetzt, wo wir das erste Mal verreist sind. Ohne Baby, nur wir zwei. Da merke ich, wo ich daheim wieder auftanken kann. Eigentlich so simpel! Denn du bist ja da. Also werde ich nach dem Urlaub deinen Blick wieder öfter suchen.

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