«Senkrecht» mit Natascha Knecht Hurra, ich habe im Lotto gewonnen!

Natascha Knecht, 47, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, sinniert darüber, was sie mit ihrem unverhofften Lottogewinn anstellen soll.

Plötzlich Lotto-Millionär! Haben Sie sich auch schon ausgemalt, wie das wäre? Würden Sie eine schöne Liegenschaft erwerben? Bedienstete anstellen? Mit dem Privatjet um die Welt fliegen? Oder wären Sie eher der wohltätige Charakter und würden in armen Ländern Kinderspitäler finanzieren? Unsere Tierheime unterstützen? Der eigenen Wohngemeinde ein neues Hallenbad schenken? Die Familie nach Strich und Faden verwöhnen?

Leider erzählen gewisse Spielverderber, solche Träumereien seien lächerlich. Realistisch betrachtet sei es fünfmal wahrscheinlicher, vom Blitz getroffen zu werden als im Lotto abzuräumen. Doch diese Leute verbreiten lediglich Fake News. Die Wahrheit ist: In der Schweiz gibt es 4 bis 10 Blitztote pro Jahr, während die Zahl der neuen Lottomillionäre im Durchschnitt bei 15 liegt. Darum rate ich allen, den alternativen Fakten zu vertrauen und geduldig zu bleiben - wie ich. Denn in meinem Innersten wusste ich: Eines Tages werde ich der ultimative Glückspilz sein. Irgendwann wird mir das Schicksal seine Gunst erweisen. Und so geschah es: Ich habe gewonnen! Im Lotto! Hurra!

Welcher Lebensstandard ist meiner Situation angemessen?

Für mich war immer klar: Sobald ich das grosse Los ziehe, kündige ich den Job und mache nur noch, was ich am liebsten mache - bergsteigen. Ich klettere alle meine Traumrouten, für die mir bisher Zeit und Geld fehlten. Steige auf sämtliche Viertausender der Alpen. Mache vielleicht einen Abstecher in den Himalaja, nach Kanada oder zu den Eisbären am Nordpol. Und das Beste: Als alpine Jetsetterin verbringe ich wie die Profi-Alpinisten jeden Tag in den Bergen. Allerdings mit dem wesentlichen Unterschied, dass ich als Neureiche keine Sponsoren mit medienwirksamen Rekorden zu befriedigen habe. Ich bin ja mein eigener Sponsor und muss nicht höher, schneller, krasser. Muss nicht das Unmögliche möglich machen und Wege gehen, die aus gutem Grund noch kein anderer gegangen ist. Ich bin frei wie der Wind.

Unklar war mir lediglich: Welcher Lebensstandard ist meiner Situation angemessen? Nehmen wir an, ich klettere eine Woche in der Umgebung von Andermatt. Übernachte ich wie bisher in der billigsten Klause im Tal? Oder logiere ich im noblen «The Chedi»? Ich war noch nie in einem Fünfsternehotel. Erschrecken die Schönen und Reichen, wenn ich mit Eispickeln bewaffnet durch die Lobby marschiere? Wie reagieren meine Bergsteigerfreunde? Ist Alpinismus überhaupt «richtiger» Alpinismus, wenn ich nicht in einer stinkigen SAC-Hütte oder im kalten Biwak schlafe?

Fragen über Fragen. Aber es lohnt sich, solche Gedanken frühzeitig durchzuspielen und auch die Hard Facts zu berücksichtigen. Auf meinem Bankkonto liegt eine Summe, die ich mit meinem Journalisten-Einkommen nie im Leben hätte zusammensparen können: 27 Franken und 65 Rappen. So viel gibt es für drei Richtige mit Zusatzzahl. Obwohl mir mein Bauchgefühl jahrzehntelang sagte, dass ich früher oder später im Lotto gewinne, bin ich jetzt komplett überfordert. Was soll ich mit diesem ungeheuren Geldsegen tun? Haben Sie vielleicht eine Idee?

PS: Ich bitte von Bettelbriefen abzusehen. Wegen der vielen Bergtouren habe ich ohnehin keine Zeit für die Beantwortung.

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