«Senkrecht» mit Natascha Knecht Malediven oder Matterhorn?

Natascha Knecht, 49, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin erklärt, warum auf Instagram jeder kann, aber aufs Matterhorn nicht.

Fast hätte ich den jungen Mann nicht erkannt. Ich war an einer Veranstaltung in Zürich, als er plötzlich auf mich zusteuerte. «He, wie gehts?», fragte er. Ratlos schaute ich ihn an: Wer um Himmels willen ist dieser Bursche? Dann kam es mir in den Sinn. Es ist der Kevin! Vor einigen Jahren arbeitete er bei uns als Praktikant.

Damals war sein Gesicht noch glatt. Heute trägt er einen strammen Vollbart. Millimetergenau gestutzt und mit Wachs frisiert. Obschon ich als Berglerin wenig von urbaner Mode verstehe, schien mir sein Styling von Kopf bis Fuss perfekt. Er sah aus, wie einem Hochglanzmagazin entstiegen. «Potz tuusig!», ging es mir durch den Kopf. Aus dem Kevin ist ein Hipster geworden. Und wie er mir gleich berichtete, ist er mit seinem Look auf Instagram ganz erfolgreich. Stolz zeigte er mir seine vielen Vollbart-Selfies, die er schon gepostet hat.

Dann begann er mich zu umgarnen: Es sei «sooo cool», mich hier zu treffen. Er habe gehofft, dass ich da sei. Und ich überlegte schon, was er wohl will. Endlich kam er auf den Punkt: «Du bist doch eine dieser verrückten Alpinistinnen», säuselte er. Diesen Sommer sei er in Zermatt gewesen, und nun wolle er auf das Matterhorn. Um Selfies für sein Instagram zu inszenieren. «He, machst du das mit mir? Steigst du mit mir hinauf? He, das wäre Hammer.» Als Gegenleistung bot er an, dort oben auf 4478 Metern auch Bilder von mir zu knipsen.

Aufs Matterhorn für mehr als 2'000 Franken

Wow! Der Hipster-Kevin will mit mir auf das Matterhorn! Für Instagram! Dumm nur, dass er noch nie mit Steigeisen geklettert ist und noch nie oberhalb von 3000 Metern war. Ich fragte, ob ihm bewusst sei, dass sich jedes Jahr Leute am Matterhorn überschätzen und abstürzen? Aber er glaubte felsenfest, er schaffe das. Trotzdem schlug ich sein Angebot aus und riet ihm, einen diplomierten Bergführer zu engagieren.

Wie viel denn ein Bergführer koste, wollte er wissen. Ich googelte auf dem iPhone und zeigte es ihm: Der offizielle Bergführer-Tarif für das Matterhorn beträgt 1250 Franken. Hinzu kommen 300 Franken für die Nacht im Massenlager der Hörnlihütte. Plus die Spesen für die Reise und die Bergbahn Zermatt-Schwarzsee retour. Kevin war schockiert. «He, das sind total fast 2000 Stutz. Spinnen die eigentlich? Für so viel Kohle kann ich eine ganze Woche auf die Malediven.»

«Fasch!», musste ich ihn korrigieren. Mit 2000 Stutz ist das Matterhorn nämlich noch lange nicht gemacht. Vorher sind Trainingstouren nötig, die zusätzlich kosten. Ebenso die Ausrüstung. Mit dem gleichen Geld könnte er also einen ganzen Monat lang Selfies von den Malediven posten, nicht nur eine Woche.

Kevin begann mit den Fingern durch seine langen Barthaare zu fahren. In seinem Kopf rechnete es: Malediven oder Matterhorn? Was bringt mir mehr? Fast bekam ich etwas Mitleid. Darum schlug ich ihm vor, er könne auch dem Schweizer Alpen-Club beitreten, Ausbildungskurse für das Hochgebirge besuchen und sich Schritt für Schritt auf die Traumtour vorbereiten. Er verwarf die Hände und sagte: «He, das dauert ja Jahre!»

Stimmt. Aber so ist es nun mal. Zu Instagram kann jeder. Aufs Matterhorn nicht.

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