Unterwegs mit Susanne Hochuli Mein Heckenopfer

Susanne Hochuli, 52, war acht Jahre Regierungsrätin im Aargau. Jetzt ist sie oberste Patientenschützerin und lebt mit zwei Flüchtlingsfamilien auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. In ihrer Kolumne in der «Schweizer Illustrierten» schreibt sie über Geschichten von Opfer-Ritualen, welche sie bis heute prägen.
Susanne Hochuli Notabene
© ZVG

Eine Hecke, um die Natur zu besänftigen: Bei der Gartenarbeit kam unsere Kolumnistin auf grauslige Gedanken.

Das Steinmesser schnitt in die Brust des Opfers, der Priester riss das schlagende Herz heraus und hielt es der Sonne entgegen. Der Kriegs- und Sonnengott Huitzilopochtli war zufrieden und die Menschheit beruhigt: Die Sonne wird weiterhin aufgehen.

Als Kind war ich fasziniert von den Erzählungen über längst vergangene Kulturen und deren Rituale. Stets wurde irgendwer irgendwem geopfert: Kinder, Frauen, Männer, Gefangene! Beim Tod des Chefs musste oft der ganze Hofstaat mit ins Gras beissen.

Jungfrauen waren als Opfer besonders kostbar und wurden von den zu besänftigenden Göttern nonstop eingefordert.

Jungfrau = junge Frau?

Unter Jungfrau verstand ich als Kind genau das, was das Wort aussagt: eine junge Frau, die sehr schön und anmutig ist, wallende weisse Kleider trägt und Haare, die bis zum Boden reichen. Früher musste eine Jungfrau ständig überlegen, wo sie sich verstecken kann, damit die Priester und deren Handlanger sie nicht finden.

Ein gefährliches und anstrengendes Leben ist das gewesen! Genauso anstrengend war es, meine Phantasie und Gedanken zu bändigen: Las ich solche Geschichten, malte ich die schrecklichen Bilder immer weiter aus. Noch heute spüre ich, wie damals das Gefühl der Übelkeit in mir hochstieg und die Angst Beine und Arme schwach werden liess, bis ich mich kaum mehr aus dem Bett traute, egal wie stark die Blase drückte.

Es gibt aktuelle Nachrichten, die mich das Grauen lehren

Azteken, Mayas und Inkas, aber auch Germanen und Etrusker haben furchtbare Geschichten von Sühne-, Bitt-, Dank- oder Lobopfer hinterlassen. Was für Gottheiten dies sein mussten, die nur durch ein Menschenopfer besänftigt werden konnten!

Mit zunehmendem Alter wurde meine Phantasie zivilisiert. Herausgerissene Herzen geopferter Jungfrauen gehören nicht mehr zur Tageslektüre; es gibt genügend aktuelle Nachrichten, die mich noch immer das Grauen lehren.

In jedem von uns steckt etwas Archaisches

Aber doch haften in mir Überbleibsel aus den Kindheitstagen oder aus längst vergangenen Zeiten. Zeiten, die weit, weit vor meiner Lebenswelt liegen. Zeiten, die Generationen geprägt haben, auch wenn sich das Wissen, die Religion und damit die Gesellschaften verändert haben.

Vermutlich steckt in jedem von uns etwas Archaisches, das wir mit dem Verstand schwer zu erklären vermögen. Wer hat schon nicht etwas geopfert, um irgendeine übergeordnete metaphysische Macht milde zu stimmen?

Mein Opfer: Anpflanzen

Und so habe ich eine Hecke gepflanzt. 264 Löcher galt es über Ostern in den Boden zu graben; in jedes Loch steckte ich einen Strauch. 20 Arten pflanzte ich, um die Natur zu besänftigen und darum zu bitten, mir und meinem Vorhaben gnädig zu sein: Will ich doch, trotz mangelhaften Wissens, Gemüse im grossen Stil anbauen. Da schadet es nichts, vorher zu Kreuze zu kriechen.

Mein Muskelkater, die schmerzhaften Dornen und Schnitte in den Fingern, der Dreck unter den Nägeln – ob dies das pochende Herz einer bei lebendigem Leibe aufgeschnittenen Jungfrau ersetzen kann?

Aus dem Bett kam ich nach dieser Aktion auf jeden Fall kaum mehr, nicht aus Angst wie in Kindertagen. Nein, ich war erschöpft und musste mir sagen: Als Jungfrau würde mich keiner mehr opfern!

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