Notabene von Chris von Rohr Mein oder dein Wille geschehe (1)

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 66, schreibt in seiner neuesten Kolumne über einen schwer pflegebedürftig gewordenen Geschäftsmann, der seinem Notar zu sehr vertraute.

Mit dem Älterwerden entfernt man sich von lieb gewordenen Themen. Plötzlich werden unter Freunden Geschichten über Bresten, Pflegebedürftigkeit, Todesfälle und Erbschaftsaffären erzählt. Diese plagen und verunsichern nicht minder. Denn jeder stirbt mindestens einmal, und es passiert Erschreckendes, wie die Geschichte des wohlhabenden Geschäftsmannes, der schwer pflegebedürftig wurde, zeigt. Wir wollen ihn mal Kurt nennen.

Kurt hatte es im Leben weit gebracht. Dies war einerseits seiner gewaltigen Muskelkraft und Statur zu verdanken und andererseits seinem Ehrgeiz und der damit einhergehenden Überzeugung, dass Bedürfnisse grundsätzlich vernachlässigbar sind – ausser die eigenen. Während Kurt sein Imperium anschwellen liess, ruinierte er seinen Körper.

Er verpasste den Moment, wo man mit medizinischen oder therapeutischen Massnahmen noch einiges hätte abwenden können

Zeitlebens bekundete er Mühe, auf eine andere Stimme als die eigene zu hören. Er verpasste den Moment, wo man mit medizinischen oder therapeutischen Massnahmen noch einiges hätte abwenden können. So kam der Tag, an dem er nicht mehr aufstehen konnte. Dieser Tatsache mochte Kurt nicht ins Auge sehen, und er stritt seine Pflegebedürftigkeit jahrelang konsequent ab.

Als seine von ihm unterdrückte und schikanierte Frau und sogar die Spitex an ihre Belastungsgrenzen gelangt waren und Kurt von Pferden berichtete, die im Nachbarhaus die Treppe hochstiegen, wurde er ins Pflegeheim gebracht. 

Erst war die Familie arglos, als ein ihr bekannter Notar anfing, den mittlerweile schwerstkranken, greisen Kurt im Heim zu besuchen. Danach überschlugen sich die Ereignisse. Der Patient berichtete der nichts ahnenden, unterdessen ebenfalls körperlich handicapierten Ehefrau, dass er all sein Bauland (natürlich unter Wert) an einen Makler veräussern werde.

Er versprach schriftlich, davon Abstand zu nehmen

Darauf intervenierte die Seniorin mit Unterstützung ihrer Töchter beim Makler und machte ihn darauf aufmerksam, dass sich strafbar mache, wer einem dementen Patienten Immobilien abluchse. Das schien dieser zu verstehen. Er versprach schriftlich, davon Abstand zu nehmen. Der Notar hingegen wirkte weiter und liess sich von Kurt, der eine verkrüppelte Hand hatte und beinahe erblindet war, eine Vollmacht für nicht definierte Angelegenheiten unterzeichnen. Sie lautete auf seinen als Anwalt tätigen Büronachbarn.

Er bestätigte gar, dabei mit dem Patienten allein im Pflegezimmer und ihm beim Unterschreiben etwas behilflich gewesen zu sein – aber es sei «ömu gangä». Da wurde von beiden Seiten die KESB eingeschaltet. Kurt reichte auf Anraten seines neuen Anwaltes eine Gefährdungsmeldung gegen seine Ehefrau ein, weil dieser ihm vorlog, sie versuche nun, Ländereien zu verkaufen. Dass diese ohne seine Zustimmung gar nicht dazu berechtigt war, kam Kurt in seinem bedauernswerten Zustand nicht in den Sinn, und er folgte dem juristischen Rat.

Er war jetzt zu einem viel besuchten Heimbewohner geworden. Nicht nur der Notar und sein Anwaltskollege, sondern auch der Immobilienmakler standen an Kurts Bett. Es wurde besprochen, dass sämtliche sich in seinem Besitz befindlichen Liegenschaften vom Sohn des Maklers verwaltet werden sollten. «Die Unterschrift werde ich dir noch besorgen», stand in einem Schreiben des Notars, das die Familie später in einem vom Pflegeheim angelegten und im Verborgenen aufbewahrten Ordner fand.

Auf dem Sterbebett war Kurt wind und weh

Dazu kam es nicht mehr. Denn Kurt verstarb, drei Tage nachdem ihn eine der Töchter besucht und ihm von einer bei seiner Ehefrau eingetroffenen exorbitanten Akonto-Rechnung des Anwalts und seinen Taten berichtet hatte. Auf dem Sterbebett war Kurt wind und weh. Er hatte wenig Ahnung, was er alles «unterschrieben» hatte, und stets geglaubt, was ihm vorgelesen wurde. Er sagte noch, das seien alles «Lumpehüng und Halungge», dann verliessen ihn die Kräfte.

Dass der hinterlistige Notar vorgängig von Kurt als Willensvollstrecker eingesetzt wurde, war der Familie bekannt, und sie erwartete mit angehaltenem Atem die Testamentseröffnung. Diese fand jedoch nicht statt. Dafür fand sie auf mehreren Grundstücken «Zu verkaufen»-Transparente.

Ein Freund der Familie erhielt auf Anfrage umfangreiche Dokumentationen zugestellt. Der Willensvollstrecker liess sämtliche Konten der Ehefrau und Alleinerbin sperren und sich 15 000 Franken Vorschuss ausbezahlen. Der absolute Gipfel: Weder die Bank, die KESB noch die Gemeinde, die ihm umgehend ein Willensvollstreckerzeugnis ausstellte, zögerten oder hinterfragten. Der Fall ist hängig. Mehr dazu nächstes Mal … 

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