Notabene Peter Bichsel Meine misslungenen Sammlungen

Peter Bichsel, 78, Schriftsteller und Publizist, über den Ballast des freien Menschen und seine Nashorn-Sammlung.

Einmal, ein einziges Mal in meinem Leben und vor Jahren, bin ich ohne Gepäck weit gereist - nach Berlin zu einem Geburtstagsfest, bin eingestiegen in den Zug, habe mich hingesetzt, eingestiegen ins Flugzeug, ausgestiegen, mit zwei freien Händen, keine Handtasche, nichts; ein Spaziergänger, einer, der schnell um die Ecke geht, um Zigaretten zu kaufen. Fast hätte ich in Zürich im Flughafen einen kleinen Fehler gemacht, ich kaufte mir eine Zeitung, klemmte sie unter den Arm, und da war es schon wieder, der Anfang des Gepäcks, des Ballasts; ich warf sie ungelesen in den nächsten Papierkorb - ein freier Mensch. Nicht mal mein Eigengewicht fiel mir auf, die Leichtigkeit des Seins, die Illusion der absoluten Freiheit. Das Zimmer im Hotel musste ich im Voraus bezahlen, ein Fremder ohne Gepäck, meine Leichtigkeit machte mich verdächtig.

Nicht mal mein Eigengewicht fiel mir auf, die Illusion der absoluten Freiheit

Anderentags, vor der Heimreise, kaufte ich mir dann etwas, ein hölzernes Nashorn. Sie hätten im Laden auch ein grösseres und schöneres gehabt, aber ich entschied mich für das kleine, es fand Platz in der Jackentasche. Ich sammelte damals Nashörner. Leidenschaftlich sozusagen, ich klopfte in fremden Städten sämtliche Schaufenster nach Nashörnern ab, in meinem Zimmer standen sie in allen Ecken, erst mal Dutzende, dann wohl Hunderte. Keineswegs eine Zierde, sondern eben eine Sammlung, eine kindische Sammlung - viel vom Gleichen - eine Leidenschaft, und vielleicht ging es nur darum, sich eine Leidenschaft anzugewöhnen - auch eine Leidenschaft zu haben wie all die anderen.

Mit Stolz betrachtete ich die Grösse meiner Sammlung und verschränkte die Arme vor meiner Brust. Aber auch diese Sammlung ist mir wie alle Sammlungen meines Lebens misslungen, nicht eigentlich verleidet, sondern einfach misslungen. Meine Briefmarkensammlung, mein Herbarium, die Sammlung gepresster Blumen, meine Zitatensammlung, meine Uhrensammlung, und selbst, wie ich kürzlich feststellte, die Sammlung all der Bücher, die ich geschrieben habe. Auch sie ist zu meiner Überraschung nicht mehr vollständig. Die Last des Lebens - Ballast abwerfen.

Nashörner habe ich noch einige. Sie erinnern mich. Ich mag auch richtige Nashörner. Oft besuche ich im Zoo nur sie. Ich mag ihre Gelangweiltheit, ihre kräftige Langeweile.

Bei meiner Befreiung vom Ballast meiner Nashornsammlung waren mir übrigens zwei kleine Mädchen aus der Nachbarschaft behilflich. Ich schenkte ihnen mal zwei Nashörner, Doubletten, wie die Sammler sie nennen. Einige Tage später standen sie wieder vor meiner Tür und sagten, dass sie noch zwei Nashörner mehr bräuchten, und ich gab sie ihnen. Dann kamen sie und sagten, sie hätten Besuch von zwei anderen Mädchen und möchten mit ihnen mit den Nashörnern spielen, und die zwei Mädchen bräuchten deshalb eben auch zwei Nashörner. Ich fand das lustig und gab sie ihnen - die Sammlung war nun nicht mehr vollständig, sie löste sich von jetzt an selbstständig auf, und ich war endlich wieder ohne Gepäck.

Wissen Sie, was ein Paternosterlift ist? Ein offener Aufzug, der dauernd in Bewegung ist, Kabine an Kabine an einem Band. Auf der einen Seite gehts hoch, auf der anderen runter und oben herum und unten herum. In Heinrich Bölls Geschichte «Doktor Murkes gesammeltes Schweigen» gibt es einen solchen Lift. Als ich sie zum ersten Mal las, hatte ich noch nie einen solchen Lift gesehen. Doktor Murke war ein Tonmeister im Rundfunk, ein schrulliger, einsamer Mensch. Und wenn er aus den Tonbändern Pausen rauszuschneiden hatte, legte er die Stücke, auf denen nichts zu hören war, beiseite und fügte sie zu einem langen Band zusammen. Eine wundersame Sammlung von Nichts.

Jeden Morgen nun, wenn Murke zum Rundfunk kam, stieg er in den Lift und fuhr einmal oben rum und genoss den Nervenkitzel des Wechsels vom Rauf zum Runter.

Im Rundfunkgebäude in Köln gibt oder gab es wirklich einen solchen Paternosteraufzug. Ich war begeistert, als ich ihn zum ersten Mal sah, und rannte los, zum Ärger des Redakteurs, der mich abholte und zur Eile mahnte, fuhr zwei Stockwerke hoch, rannte raus und wieder rein und drei Stockwerke runter, am gestikulierenden Redakteur vorbei und wieder rauf und raus und rein und dann endlich - tief einatmen - oben rum wie Murke. Das Ritual des Schweigens, ein kleines Stück Freiheit.

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