«Senkrecht» mit Natascha Knecht Mit oder ohne Beine auf den Everest?

Natascha Knecht, 48, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, wundert sich über die seltsamen Vorstellungen, die Schweizer übers Bergsteigen haben.

Ein Blick sagt manchmal mehr als tausend Worte. Etwa der komische Blick, den wir Bergsteiger immer wieder kassieren von Leuten, die mit Alpinismus nichts am Hut haben.

So traf ich vor einigen Tagen im Tram eine Bekannte. Sie habe gerade im Radio von dem doppelt Beinamputierten gehört, der auf dem Mount Everest war, erzählte sie und fragte im gleichen Atemzug, ob ich auch bald auf den Everest steige, den höchsten Gipfel der Erde. Als ich verneinte und anfügte, ich sei eine Alpen-Bergsteigerin ohne Ambition auf Ruhm, sagte sie nichts. Sie schaute mich nur an – mit einem Gesichtsausdruck, der signalisierte: dann bist du wohl keine gute Bergsteigerin.

Ausgerechnet Schweizer wissen wenig übers Bergsteigen

Solche Reaktionen kennen die meisten Alpinisten – und wir amüsieren uns genüsslich darüber. Wir staunen, wie wenig ausgerechnet die Schweizer als Eingeborene eines Alpenlandes vom Bergsteigen wissen. In der Vorstellung der Allgemeinheit gilt nur als «richtiger» Kletterer, wer auf dem Everest, dem Matterhorn oder dem Kilimandscharo war. Die Leute glauben, die Schwierigkeit eines Berges messe sich an dessen Höhe. Das ist zwar naheliegend, jedoch falsch.

Nehmen wir den Eiger: Er ist «nur» 3967 Meter hoch, also nicht einmal ein Viertausender. Seine Nordwand ist weltberühmt und der Inbegriff einer «Mordwand». Doch seit den Speedrekorden von Ueli Steck und Dani Arnold meinen viele Stubenhocker, die Wand sei mit der heutigen Ausrüstung ein Spaziergang, der eigentlich von jedem zu meistern sei.

Das ewige Matterhorn

Lange galt das Matterhorn als alpinistische Referenz, um in der Gesellschaft zu punkten. Erwähne ich in einem Smalltalk, dass mein Hobby das Bergsteigen ist, kommt garantiert die Frage: «Aha. Warst du schon auf dem Matterhorn?» Früher, als ich noch nicht oben war, erntete ich in solchen Situationen stets einen vielsagenden Blick: eine Bergsteigerin, die nicht auf dem Matterhorn war? Ist das überhaupt eine Bergsteigerin?

Inzwischen war nicht nur ich auf dem Matterhorn, sondern auch Tausende andere. Und mir scheint, dass die Besteigung an Glanz eingebüsst hat. So war ich zum Beispiel kürzlich an einem Treffen mit 50 Journalisten. Ich unterhielt mich mit einem Kollegen, und es dauerte nicht lange, bis die Frage kam: «Du bist doch Bergsteigerin. Dann warst du sicher schon auf dem Matterhorn, oder?» Als ich bejahte, schaute er mich spöttisch an und sagte: Er habe gehört, das Matterhorn sei gar nicht so schwierig.

Neue Messlatte

Gern nahm ich seinen Steilpass an und fragte zurück: «Warst du schon auf dem Matterhorn?» – «Nein», sagte er und rechtfertigte sich mit Höhenangst. Ich schenkte ihm meinen mitleidigsten Blick. Er sprach für den Rest des Abends nicht mehr mit mir.

Nun setzte am 8848 Meter hohen Mount Everest ein 69-jähriger, doppelt Beinamputierter die Messlatte neu. Sollte ich eines Tages doch auf das Dach der Welt steigen und danach meine Bekannte im Tram treffen, ginge der Smalltalk gemäss ihrer Logik wohl so: «Natascha, warst du schon auf dem Everest?» – «Ja.» – «Mit oder ohne Beine?» – «Mit.» Ihre Reaktion: schnippischer Blick.

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