«Senkrecht» mit Natascha Knecht Mit Pantoffeln auf den höchsten Viertausender

Natascha Knecht, 47, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, sinniert über die Eroberung der alpinen Viertausendern.

Derzeit geht es in unseren Bergen emsig zu und her wie in einem Bienenhaus. Wir haben Sommer, Ferien und einen florierenden Tourismus. Hochbetrieb herrscht auch an den Viertausendern. Am Matterhorn stauen sich die Alpinisten wie die Autos am Gotthard. Sogar auf den weniger bekannten Gipfeln, etwa dem Lagginhorn (4010 m) im Wallis, stehen an Schönwettertagen ungefähr so viele Leute wie im Bahnhof Zürich zur Hauptverkehrszeit. Ich weiss das, weil ich selber zu den hochalpinen «Stürmern und Drängern» gehöre – und jeden freien Tag mit Seil und Pickel im Gebirge verbringe.

Um die magische Viertausendergrenze zu übersteigen, reisen die Alpinisten aus allen Herren Ländern an. Die Schweiz gilt als Bergsteigerland schlechthin, nicht jedes Land hat so hohe Gipfel wie wir. Gemessen am touristischen Gesamtumsatz, machen die Alpinisten zwar einen marginalen Anteil aus. Aber sie machten die Ferien in den Bergen einst populär und brachten den Fremdenverkehr ins Rollen. Für die Schweiz sind sie noch immer ein unbezahlbarer Werbefaktor.

Obschon das Bergsteigen heute international betrieben wird (und manche Einbürgerungsbehörde wie jene in Buchs AG meint, einzig Schwingen und Hornussen seien Schweizer Sportarten), ist es ein Schweizer, der als «geistiger Vater des Alpinismus» in die Geschichte einging. Am 3. August 1787, vor exakt 230 Jahren, stand der Genfer Horace-Bénédict de Saussure als erster Forscher und «Hochtourist» auf dem Mont Blanc (4810 m), dem höchsten Alpengipfel.

Zu dieser Zeit waren noch keine Viertausender der Alpen «erobert». Ihre Besteigung galt als «unmöglich» und «zu wenig lukrativ». So hatte de Saussure demjenigen eine «sehr hohe Geldsumme» in Aussicht gestellt, der als Erster einen Weg auf den Mont Blanc findet und ihn hochführt. Er musste 27 Jahre auf den grossen Moment warten!

Am Matterhorn stauen sich die Alpinisten wie die Autos am Gotthard

Bei seinem historischen Gipfelerfolg wurde de Saussure von seinem Diener und 17 Trägern begleitet. Sie schleppten die «nöthigen Geräthe». Dazu gehörten seine persönlichen Gegenstände wie Sonnenschirm, Zelt, Klappbett mit Matratze, Betttücher, Decken, zwei Überröcke, drei Jacken, drei Westen, sechs Hemden, ein weisser und ein Reiseanzug, Stiefel, Gamaschen, ein Paar Schuhe mit grossen und zwei Paar mit kleinen Spitzen, zwei Paar gewöhnliche Schuhe und Pantoffeln. Für den Aufstieg brauchten sie drei Tage.

Oben angekommen, fühlte er aufgrund der Höhe «eine leichte Neigung zum Erbrechen». Das mitgebrachte Essen war gefroren, und die Begleiter, denen die «Dünnigkeit der Luft» zur Last fiel, hatten keine Lust auf eine Gipfelparty. «Sie bekümmerten sich nicht einmal um den mitgebrachten Wein und die gebrannten Wasser», stellte de Saussure verwundert fest. «Bloss frisches Wasser that gut und war uns angenehm; aber es kostete Zeit und Mühe, Feuer anzumachen.»

Mit seinem Triumph und seinen Schilderungen entfachte der Genfer das alpinistische Feuer. Bald entschied die Besteigung eines Viertausenders über das generelle Ansehen eines Mannes – besonders bei den Damen. Dieser Reiz lockte später die wohlhabenden Engländer in unsere Alpentäler, und inzwischen stürmen auch wir Frauen ganz nach oben. Es lebe der Sommer, es lebe der Berg, es lebe de Saussure!

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