Notabene Chris von Rohr Akzeptanz des Bösen

Chris von Rohr, 61, Musiker, Produzent und Autor weiss, dass es da draussen eine andere, eine böse Welt gibt.

Geschichten sind mir lieb. Manchmal tragen mir die Menschen aber solche zu, wo sie das Gewissen plagt und mich meines anschliessend auch. Es ist immer das Gleiche: Amtlich verordnete Schweigepflicht oder Meldepflicht heisst das Dilemma. Je delikater der Fall, umso härter gewichten beide Seiten. In unserer heilen Schweiz beginnt man zuweilen zu vergessen, dass es da draussen eine andere, eine böse Welt gibt, wo Menschen andere Menschen brechen, quälen und ins Elend treiben. Die Akzeptanz des Bösen scheint allgegenwärtig zu sein. Wenn Fassadenreiniger und Berufsverschleierer pausieren, kommt das Grauen zum Vorschein.

Es gibt da unter uns einen praktizierenden reformierten Pfarrer. Er hält sich als Hofstaat - oder müsste ich sagen als Leib- und Seeleneigene - eine Frau und fünf Kinder. Um den Jüngsten, nennen wir ihn Florian, spielt sich zurzeit ein himmeltrauriges Drama ab. Dem feinen Jungen wurde der Kindergarten verweigert, weil sein predigender Vater besessen war von der Idee, sein Sohn sei überbegabt und langweile sich da. Die Kindergärtnerin, die künftige Lehrerin und die Logopädin rieten dringend davon ab, den Buben gegen Schuljahresende noch kurz in die erste Klasse zu stecken. Und in Gesprächen teilten sie dies dem überheblichen Mann persönlich und deutlich mit. Der Mann schaltete auf stur und schaffte es, diese Aktion bei den Behörden durchzuboxen. Die nickte ab, ohne die Fachkräfte vor Ort, die den Jungen aus täglichen Begegnungen kannten, anzuhören und ernst zu nehmen. Eine gefühllose Arroganz, die hierzulande immer wieder aufblüht, wenn Bürokraten und Beamte fernab jeglicher Realität über Menschenschicksale entscheiden und niemand sie daran hindert.

Wenn Fassadenreiniger und Berufsverschleierer pausieren, kommt das Grauen zum Vorschein

«Florian kann doch gar nicht lesen und schreiben» meinten die, die mit ihm zu tun hatten. «Das lernen wir in den Ferien», so die Antwort des Vaters. So wurde das ganze auf Biegen und Brechen lanciert.

Man braucht kein Raketenforscher zu sein, um zu wissen, dass so was nicht gut kommt. Mitschüler berichteten von einem zunehmend apathischen Kind, das unbeteiligt in die Luft starrte, zusammenhangloses Zeugs schwafelte und keine Freunde fand. Da der Bube auch ein eher schmaler Wurf war, stand er auch im Turnen oder Schwimmen nur noch auf dem Abstellgleis und wurde von allen gehänselt.

So kam es, dass Florian drei Jahre später krank und apathisch wurde. Was zu Hause noch an Repressalien und Übergriffen dazu kam, können wir nur erahnen. Plötzlich verweigert der Junge die Nahrung und musste schliesslich im Spital zwangsernährt werden. Anstatt ihn zu schützen oder ihn der Fürsorge zu übergeben, wurde er von seinem Vater wieder aus dem Spital herausgeholt. Der herzlose Pfaffe schickte ihn sogleich wieder in die Schule, wo er kaum ansprechbar war. Florian musste wieder ins Spital eingeliefert werden. Er wollte nicht mehr leben, verweigerte wieder das Essen. Und da lag er bis vor Kurzem mit einer Sonde im Bauch. Man muss sich das mal vorstellen: Ein neunjähriger Junge will sich das Leben nehmen!!??

Die bittere Ironie am Ganzen: Der Verantwortliche, sein Vater, nennt sich Seelsorger, er macht Taufen, Segnungen, Trauungen, Abdankungen, Gottesdienste und schimpft sich Sozialarbeiter, Kirchenpfleger, gibt Kurse und predigt eine neue Form der Kirche und den Aufbau einer lebendigen Gemeinde! Die Geschichte des verlorenen Sohnes in der Bibel ist ihm wohl leider nicht bekannt, oder er hat sie falsch verstanden wie vieles andere auch.

Wer sich hier fragt, was in dieser elenden Angelegenheit eigentlich die Mutter für eine Rolle spielt, dem sei gesagt: keine! Sie wurde längst von ihrem Mann weichgeklopft, entwürdigt und ferngesteuert. Sie spricht abgefahrene, wachsweiche Sätze, die keinen Sinn ergeben, und kann als manipulierte Gebärerin keine Verantwortung übernehmen - auch nicht für sich selber.

Als ich diese erbärmliche Geschichte zum ersten Mal hörte, kam in mir erst eine unselige Wut hoch. Ich konnte nicht fassen, dass dies alles einfach so geschieht unter uns und niemand sich wehrt mit einem klaren «Nein, so geht das nicht». Umsonst fand diese Geschichte nicht zu mir. Doch ich frage Sie, meine lieben Leser, was würden Sie tun? Die meisten Menschen schauen leider weg, weil sie Angst haben, in so etwas mit hineingezogen zu werden, ihr Gesicht oder gar ihren Job zu verlieren. Ich verstehe das bis zu einem gewissen Grad. Aber das darf nicht sein, also seien wir mutig und mischen uns ein.

Ich hoffe, dass die von unseren Steuergeldern finanzierte Schutzhilfe für Kinder dieses seit Jahren leidende Kind endlich mal von seinen irren, fehlgeleiteten Eltern fernhält und in eine sichere, harmonische Umgebung führt. An einen Ort, wo Bekenntnisse wie Frieden, Nächstenliebe und Respekt zu jedem göttlichen Geschöpf nicht gepredigt, sondern gelebt werden. Amen.

Auch interessant