«Senkrecht» mit Natascha Knecht Mehr Furcht vor Damen als vor Duvets

Natascha Knecht, 46, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin unterscheidet in ihrem ersten Blog zwei Typen von Bergsteigern: den Homo montibus in excelsis deo und den Homo generatio gestresstis - und erklärt die Rolle der Frau im Schweizer Alpen-Club.

Von stockkonservativ bis ultraprogressiv: Im Gebirge ist es wie im Bundeshaus. Auch Bergsteiger pflegen mannigfaltige Denkweisen. Wie sich der gute alte Alpinismus in unseren schnellen und hektischen Zeiten entwickeln soll - darüber klaffen die Meinungen auseinander wie Gletscherspalten.

Auf der einen Seite des alpinistischen Gesinnungsspektrums steht der klassische Traditionalist (wiss. Homo montibus in excelsis deo). Wenn er sich aus den Niederungen des Alltags erhebt und gegen Himmel marschiert, verfolgt er höhere Ziele als nur den Gipfel. Für ihn ist das Gebirge ein heiliges Revier, in das er sich aus der überzivilisierten, sicherheitsorientierten und materialistischen Gesellschaft zurückziehen kann. Im vergletscherten Paradies will er sich wie ein Ur-Mensch fühlen und das archaische Abenteuer erleben.

Zu seinen obersten Geboten gehören Geduld, Demut und Genügsamkeit. Tugenden, die heute immer mehr abhandenkommen und die der Homo montibus in excelsis deo feurig verficht. Als es vor wenigen Jahren darum ging, in den Hütten-Massenlagern die alten kratzigen Wolldecken durch neumodische Duvets zu ersetzen, sperrte er sich vehement dagegen.

Er vertritt den Standpunkt, eine Tour verlange es, die Komfortzone zu verlassen. Mit allen Konsequenzen. Sonst fehle der Kontrast zu unserem Wohlstandsleben. Wer das nicht verstehe, habe den Sinn des Alpinismus nicht begriffen. Durchsetzen konnte sich der Excelsis deo gegen die Duvets nicht. Zum Ausgleich schläft er jetzt vermutlich bei sich zu Hause in ungelüfteten Armeedecken.

Als Frau darf ich froh sein, nicht mehr Kuriosum zu sein

Am anderen Ende des alpinistischen Gesinnungsspektrums steht der sogenannte Instant-Bergsteiger (wiss. Homo generatio gestresstis). Seine Interessen weichen diametral von jenen des Excelsis deo ab. Der Generatio gestresstis will in erster Linie ein spektakuläres Gipfelbild, das er sofort auf Facebook veröffentlichen kann. Idealerweise liegt der Gipfel höher als viertausend Meter. Dass auch ein Dreitausender anstrengend ist, manchmal sogar schwieriger als ein Viertausender, wissen seine Freunde im Internet nicht, weshalb ihm die Ausbeute an «Likes» zu gering ist. Darum konzentriert sich der Gestresstis vor allem auf Prestigeberge wie Matterhorn oder Mont Blanc.

Ich selber sehe mich wie die meisten Alpinisten irgendwo in der Mitte. Als Frau gehöre ich ohnehin zur Minderheit und darf froh sein, nicht mehr als «Kuriosum», «Mannsweib» oder «Zirkusross» angesehen zu werden. Man hat es nämlich fast vergessen: Der Schweizer Alpen-Club (SAC) akzeptiert Frauen erst seit 1980. Vorher hatte sich der Excelsis deo noch mehr vor Damen gefürchtet als später vor Duvets. Der SAC sei eine der letzten Domänen, wo die Männer sich «gegen die Aggressivität und Komplexität der Frauen schützen» können, argumentierte er hitzig. Frauen würden die Eigenart des Clubs verwischen und «zu ehelichen Konflikten» führen.

Wahrscheinlich hatte er Angst, die Gattin würde ihn nicht mehr gehen lassen, wenn Bergsteigerinnen im Lager nächtigen. Inzwischen ist es umgekehrt: Er möchte wissen, welche Freiheiten seine Frau daheim geniesst, während er sich in Entbehrung übt.

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