«Senkrecht» mit Natascha Knecht «Blöde Kuh» heisst jetzt «unwissende Weidedame»

Natascha Knecht, 47, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, sinniert über politische Korrektheit.

Gerne würde ich Ih­nen meinen neu­en Lieblingswitz erzählen. Er han­delt von einem Zürcher, einem Luzerner und ei­nem Walliser – und er ist liebevoll wie ein Film von Rosamunde Pil­cher. Trotzdem wurde mir gera­ten, ihn für mich zu behalten. Warum? Weil die Pointe – wie fast jede lustige Pointe – politisch in­korrekt ist. Jemand könnte sich angegriffen fühlen wegen seiner Kantonszugehörigkeit. Auch ein Appenzeller oder ein Secondo könnte klagen – mit der Begrün­dung, er komme in diesem Witz nicht vor und werde ausgegrenzt. Oje, jetzt habe ich Secondo geschrieben. Pardon. Selbstver­ständlich meine ich Mensch mit Migrationshintergrund in der zweiten Generation.

Politisch korrekt zu sein, ist kompliziert geworden. Viele Wör­ter darf man/frau nicht mehr sa­ gen. Mohrenkopf, Fräulein, Inva­lide. Nein! Hiess es früher «Obdachlose», so heissen diese Bür­ger heute «Wohnungssuchende», auch wenn sie keine Wohnung su­chen. Zigeuner wurden vorüber­gehend zu Fahrenden, dann zu Jenischen, Roma und Sinti. In­zwischen sind wir derart verun­sichert, dass wir vorsichtshalber von «Rotationseuropäern» spre­chen und in der Beiz kein Zigeu­nerschnitzel mehr bestellen.

Reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist – das darf im ge­samten deutschsprachigen Raum nur noch Dieter Bohlen. Er schult das Fernsehpublikum in politisch korrekter Demütigung. Findet er als Juror den Gesang eines Talents schrecklich, sagt er nicht plump «das ist Scheisse». Son­ dern «du singst so, wie du aussiehst» oder «du passt so gut in die Sendung wie ein Kaktus in ein Kondom». Gefällt ihm die Figur eines Kandidaten nicht, wählt er geschliffene Worte: «Du bist ein Mensch wie von McDonald’s ge­formt.»

 
Politisch korrekt zu sein, ist heute komplizierter geworden
 

Wir lernen von ihm: Wenn schon beleidigen, dann also bitte überlegt und gesetzeskonform! Das bekam sogar eine 73­-Jährige in einem Zürcher Altersheim zu spüren. Sie hatte einen 78­ jähri­gen Mitbewohner als «alten Löli» und «Schafseckel» beschimpft – und wurde prompt verurteilt. Hätte sie ihn stattdessen – frei nach Bohlens Schule – politisch korrekt als «Beutel zur Aufbe­wahrung der Befruchtungsflüs­sigkeit eines Wollelieferanten» bezeichnet, hätte es für sie be­ stimmt kostengünstiger geendet. Ebenso für die Zugerin, die ihre Nachbarin eine «blöde Kuh» nannte, statt «unwissende Weide­dame» – und zahlen musste.

Aber zurück zu meinem neu­en Lieblingswitz: Als Verfechte­rin der Gerechtigkeit liegt es mir fern, jemanden zu beleidigen (auch kein Tier, keine Pflanze, kei­nen Stein). Deshalb lasse ich den Klamauk bleiben. Ich muss mein Ego nicht aufpolieren, indem ich andere abwerte. Wie heisst es so treffend: Wer die Kunst zu schwei­gen nicht versteht, der weiss auch nicht zur rechten Zeit zu reden. Einfach mal Schnauze halten – das würde auch Dieter Bohlen gut stehen.

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