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«Senkrecht» mit Natascha Knecht

«Blöde Kuh» heisst jetzt «unwissende Weidedame»

Natascha Knecht, 47, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, sinniert über politische Korrektheit.

Natascha Knecht Journalistin Outdoor Blog Schweizer Illustrierte
Thomas Senf

Gerne würde ich Ihnen meinen neuen Lieblingswitz erzählen. Er handelt von einem Zürcher, einem Luzerner und einem Walliser – und er ist liebevoll wie ein Film von Rosamunde Pilcher. Trotzdem wurde mir geraten, ihn für mich zu behalten. Warum? Weil die Pointe – wie fast jede lustige Pointe – politisch inkorrekt ist. Jemand könnte sich angegriffen fühlen wegen seiner Kantonszugehörigkeit. Auch ein Appenzeller oder ein Secondo könnte klagen – mit der Begründung, er komme in diesem Witz nicht vor und werde ausgegrenzt. Oje, jetzt habe ich Secondo geschrieben. Pardon. Selbstverständlich meine ich Mensch mit Migrationshintergrund in der zweiten Generation.

Politisch korrekt zu sein, ist kompliziert geworden. Viele Wörter darf man/frau nicht mehr sa gen. Mohrenkopf, Fräulein, Invalide. Nein! Hiess es früher «Obdachlose», so heissen diese Bürger heute «Wohnungssuchende», auch wenn sie keine Wohnung suchen. Zigeuner wurden vorübergehend zu Fahrenden, dann zu Jenischen, Roma und Sinti. Inzwischen sind wir derart verunsichert, dass wir vorsichtshalber von «Rotationseuropäern» sprechen und in der Beiz kein Zigeunerschnitzel mehr bestellen.

Reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist – das darf im gesamten deutschsprachigen Raum nur noch Dieter Bohlen. Er schult das Fernsehpublikum in politisch korrekter Demütigung. Findet er als Juror den Gesang eines Talents schrecklich, sagt er nicht plump «das ist Scheisse». Son dern «du singst so, wie du aussiehst» oder «du passt so gut in die Sendung wie ein Kaktus in ein Kondom». Gefällt ihm die Figur eines Kandidaten nicht, wählt er geschliffene Worte: «Du bist ein Mensch wie von McDonald’s geformt.»

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Wir lernen von ihm: Wenn schon beleidigen, dann also bitte überlegt und gesetzeskonform! Das bekam sogar eine 73-Jährige in einem Zürcher Altersheim zu spüren. Sie hatte einen 78 jährigen Mitbewohner als «alten Löli» und «Schafseckel» beschimpft – und wurde prompt verurteilt. Hätte sie ihn stattdessen – frei nach Bohlens Schule – politisch korrekt als «Beutel zur Aufbewahrung der Befruchtungsflüssigkeit eines Wollelieferanten» bezeichnet, hätte es für sie be stimmt kostengünstiger geendet. Ebenso für die Zugerin, die ihre Nachbarin eine «blöde Kuh» nannte, statt «unwissende Weidedame» – und zahlen musste.

Aber zurück zu meinem neuen Lieblingswitz: Als Verfechterin der Gerechtigkeit liegt es mir fern, jemanden zu beleidigen (auch kein Tier, keine Pflanze, keinen Stein). Deshalb lasse ich den Klamauk bleiben. Ich muss mein Ego nicht aufpolieren, indem ich andere abwerte. Wie heisst es so treffend: Wer die Kunst zu schweigen nicht versteht, der weiss auch nicht zur rechten Zeit zu reden. Einfach mal Schnauze halten – das würde auch Dieter Bohlen gut stehen.

Von Natascha Knecht (alt) am 06.03.2017
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