«Senkrecht» mit Natascha Knecht Echt fett!

Für Natascha Knecht, 46, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, ist eine Schlachtplatte etwas Herrliches, doch das Bundesaamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen verdirbt ihr fast den Appetit. 

Bin ich zu dick? Zu dünn? Oder gerade richtig? Wer definiert das? Die Regierung? Vergangene Woche fuhr ich mit dem Taxi zur Metzgete in meiner Lieblingsbeiz und freute mich masslos auf die allherbstliche Schlachtplatte wie zu Grossvaters Zeiten. Würste, Speck, Wädli, Rippli und Jumbo-Koteletts à gogo! 

Doch dann versuchte mir das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen in letzter Minute, den Appetit zu verderben: Via Radio liess es mir ausrichten, eine nationale Erhebung zu den Ess-, Trink- und Bewegungsgewohnheiten habe ergeben, die Schweiz sei zu einem Land der unbegrenzten Körpermasse angeschwollen. 44 Prozent der Erwachsenen bei uns würden mehr Gewicht auf die Waage bringen, als für ihre Körpergrösse vernünftig sei. Und noch schlimmer: Fast niemand konsumiere die empfohlenen fünf Portionen Früchte und Gemüse pro Tag. 

Hallelujah! Ich fühlte mich ertappt, denn auch ich esse nicht fünf Äpfel, Gurken und Tomaten täglich. Zwar würde ich gerne. Aber was kann ich dafür, dass ich die unreifen Früchte und das Hors-sol-Gemüse unserer Grossverteiler scheusslich finde? Egal, ob aus biologischem oder belastetem Anbau. Eine Gurke schmeckt gleich wie eine Tomate: nach nichts! Ich könnte genauso gut ein Stück Karton in den Salat schnetzeln – mein Gaumen würde keinen Unterschied feststellen. Leider gehört zu meiner Zürcher Stadtwohnung weder ein eigener Garten, noch habe ich einen Hofladen um die Ecke. So gesehen sollte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen froh sein, dass ich mir überhaupt ab und zu Früchte und Gemüse antue.

Ich könnte genauso gut ein Stück Karton in den Salat schnetzeln – mein Gaumen würde keinen Unterschied feststellen.

Während unseres Schlachtplattenfests kam das Thema natürlich auf den Tisch: Iss gesünder, rauche weniger, bewege dich! Sonst kriegst du Diabetes und Herzbeschwerden, riskierst einen Schlaganfall und Gelenkverschleiss! Du wirst eine gewichtige Belastung für das Gesundheitssystem! Gleichzeitig schlemmten wir, als wäre es das letzte Abendmahl. Intuitiv und aus gutem Grund. Denn man weiss nie, ob das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen künftig die Metzgete verbietet. Überregulierung ist ja in Mode. 

Einer meiner Freunde tätschelte liebevoll seinen runden Bauch und sagte, er treibe regelmässig Sport – «Ritter Sport. Täglich eine Tafel.» Ein anderer konterte, er mache auch gerne Sport. «Darum so selten, damit es etwas Besonderes bleibt.» Und einer erinnerte an die «Klappergestell»-Models auf den Laufstegen. Schon als Kind habe er im Religionsunterricht gelernt, dass magere Frauen nichts Gutes verhiessen. Gott persönlich habe dem König gedroht: «Wenn du nicht ablässt von deinen Sünden, schicke ich dir eine grosse Dürre.» Wir hatten es zweifellos lustig. Der Wein und die Verdauungsschnäpsli begünstigten die heitere Stimmung – und am Ende standen wir alle vor der Tür in der Kälte und rauchten. Denn Zigaretten helfen bekanntlich beim Abnehmen. Echt fett.

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