«Senkrecht» mit Natascha Knecht Sei schlau, sei bei Facebook!

Natascha Knecht, 46, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin schreibt über die Vorteile von Facebook. 

Man muss sich das mal vorstellen: Noch vor zehn Jahren wusste kaum jemand, was Facebook ist. Wenn wir in die Ferien fuhren, mussten wir uns mühsam gedulden, bis die zwei Wochen vorüber waren, damit wir endlich unsere Ferienfotos zeigen konnten. Hochglanz oder matt. Heute geht das zum Glück schneller - dank Facebook. In der Schweiz sind bereits 3.7 Millionen Menschen auf diesem sozialen Netzwerk aktiv. Täglich kommen mehr dazu, diskutieren, finden längst vergessene Schulfreunde, treten Gruppen bei.

Eine erfreuliche Geschichte eigentlich, wären da nicht die lästigen Kritiker und Psychologen, die hartnäckig die Meinung vertreten, die Leute würden auf Facebook vor allem eines tun: Müll veröffentlichen, Lebenszeit sinnlos verschwenden, verblöden, süchtig werden, zum Narzissten mutieren. Doch das ist Unsinn.

Gerade für uns Bergsportler und Outdoor-Fans ist Facebook ein lebensrettendes Instrument geworden: Wenn es draussen regnet, meldet garantiert einer unserer «Freunde», dass es regnet. Selber hätten wir den Wolkenbruch nicht bemerkt. Wir wären ohne Schirm ins Freie getreten und nass geworden, hätten uns deshalb vielleicht erkältet und wären daran möglicherweise gar gestorben. Ähnlich praktisch funktioniert Facebook, wenn draussen die Sonne blendet. Mit Sicherheit veröffentlicht einer ein Bild mit dem wichtigen Hinweis: «Achtung, Kitschwetter!» Wir wissen dann: Okay, Sonnencreme einschmieren und eine Extraportion Deodorant in die Achselhöhlen sprayen.

Soll also noch einer behaupten, Facebook sei eine Scheinwelt. Auf uns Natur-Enthusiasten trifft das jedenfalls nicht zu. Wir sind aufrichtige Menschen. Wenn wir einen Marathon laufen oder ein Velorennen fahren, verheimlichen wir das nicht. Nein, wir informieren unsere Freunde offen und ehrlich darüber - kaum sind wir über der Ziellinie. Auch wenn wir in die Berge gehen, bleibt das kein Geheimnis. Selbst wenn wir mit der Gondelbahn hochfahren und nichts Spezielles leisten. Ist doch egal. Solange das GoPro-Video und das Selfie ansehnlich geraten - und möglichst vielen Freunden «gefällt».

Es ist logisch, dass wir unser bestes Gipfel-Selfie veröffentlichen

Ohnehin verstehen wir den seltsamen Vorwurf der Kritiker nicht, wir würden versuchen, uns auf Facebook besser darzustellen, als wir sind. Es ist ja nur logisch, dass wir unser bestes Gipfel-Selfie veröffentlichen - und nicht das schlechteste. Was soll daran falsch sein? So argumentiert, wäre es ebenso unehrlich, täglich Deodorant zu benutzen. Denn auch das macht uns zu einem anderen Mitmenschen, einem besser riechenden, als wir in Wirklichkeit sind.

Dies bestätigt selbst der konservative und recht altmodische Schweizer Alpen-Club. Erst neulich informierte er seine Mitglieder, dass Facebook «Leben retten kann» und die Gesundheit fördere. Denn in einer grossen Befragung habe eine Wissenschaftlerin herausgefunden, «das ständige Teilen von Bildern und Videos» motiviere andere Leute, mehr Sport zu treiben und öfters an die frische Luft zu gehen. Das sei Fortschritt.

Im Dienste der Volksgesundheit müsste man also die unzähligen Freizeitsportler in die Pflicht nehmen, die sich Facebook noch immer verweigern. Aus gut unterrichteter Quelle verlautete kürzlich, es sei eine entsprechende Motivations-Kampagne geplant.

Gefällt mir.

Im Dossier: Alle Beiträge der «Schweizer Illustrierte»-Kolumnisten

Auch interessant