«Senkrecht» mit Natascha Knecht Schinden und schummeln, bis der Tarzan kommt

Natascha Knecht, 46, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin schreibt über die Olympischen Spiele. Und ihre Vorfreude auf Tokio 2020, wenn Klettern erstmals olympische Disziplin sein wird.

Haben Sie auch olympische Ringe unter den Augen? Zwei Wochen lang mit den Sp(r)itzensportlern mitzufiebern, verlangt auch von uns Zuschauern viel Ausdauer und ist emotional furchtbar anstrengend.

Nervlich besonders strapaziös wird mir der Tischtennis-Wettkampf der Männer in Erinnerung bleiben. Der Ball flog so unglaublich schnell hin und her, dass ich ihn gar nicht sehen konnte. Mit aller Kraft konzentrierte ich mich auf den Bildschirm, aber ich sah den Ball nicht! Wurde beim Tischtennis der Ball abgeschafft? Offensichtlich ja. Ich recherchierte und erfuhr aus gut unterrichteten Insider-Kreisen, dass die Weltelite der Tischtennisspieler schon seit Jahren nicht mehr mit Ball spielt. In Wahrheit tragen sie ein modernes Tanzduell am Tisch aus. Sie geben es einfach noch nicht zu - aus Angst, vom Komitee ausgeschlossen zu werden.

Das wäre schade. Denn Olympische Spiele sind deshalb so schön, weil uns alle vier Jahre Randsportarten fesseln, die uns sonst nicht am Rande interessieren. Etwa das Trampolinturnen. Der Star dieser Disziplin heisst Dong Dong. Kein Witz! 2012 in London hüpfte der Chinese so hoch, dass alle Angst hatten, er komme nie mehr runter. Für diese Leistung erhielt er Trampolin-Gold. Jetzt in Rio versagte Dong Dong kläglich, er gewann nur Silber.

Ich litt und heulte mit ihm, denn ich weiss, wie sehr sich diese jungen Männer und Frauen olympisches Gold wünschen. Sie trainieren täglich neun Stunden – seit ihrem dritten Geburtstag! Sie dürfen keine unbeschwerte Kindheit und Jugend verbringen. Müssen immer trainieren, immer die Besten sein. Wozu? Um das Ego ihrer Eltern zu befriedigen? Sehr traurig ist das.

Der heimliche Favorit heisst Do Ping. Er ist seit der Antike dabei



Trotzdem gehöre ich zu den erklärten Fans von Dong Dong, Pingpong - und neu von Heidi Diethelm Gerber. Grossartig, wie sie sich in unser aller Herzen schoss! Vielleicht ist Sportschiessen gar nicht so doof, wie ich immer geglaubt hatte. Oder doch?

Der heimliche Favorit des olympischen Zirkus heisst aber weder Heidi noch Dong, sondern Do Ping. Er ist Arzt und schon seit der Antike dabei. Damals verabreichte er den Athleten noch Rinderblut und Stierhoden. Später auch Fliegenpilze, Kokablätter und Mohn. Über die Jahrhunderte hinweg fand Do Ping effizientere Mittel und erweiterte sein Team mit Mitarbeitern wie Ana Bolika, Amph Etamin oder Ster Oid. Bei den Radfahrern etwa wurden frappante Veränderungen herbeigeführt und der Wettbewerb komplett neu definiert: Es ist nicht mehr wichtig, wer am schnellsten in die Pedale tritt. Heute gewinnt, wer den besten Chemiecocktail im Körper hat.

In vier Jahren in Tokio wird Klettern - meine Lieblingssportart - erstmals eine olympische Disziplin sein. Diesen Athleten traue ich zu, dass sie sich von Do Ping fernhalten und eine ganz andere olympische Tradition fortsetzen: nämlich die Hauptrolle im nächsten Tarzan-Film spielen. Etliche Olympia-Goldgewinner sind Tarzan geworden, der berühmteste ist Schwimmer Johnny Weissmüller. Gold-Schwimmerin Eleanor Holm bekam in «Tarzans Rache» die Rolle der Jane. Meine Erwartungen an die Kletterer sind also hoch, und ich wünsche, dass sie sich anstrengen und nicht enttäuschen. Für meine olympischen Augenringe will ich Entschädigung: Klettern und Tarzan. Beides.

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