«Senkrecht» mit Natascha Knecht Gipfel der Rekorde oder Jahrmarkt der Eitelkeiten?

Natascha Knecht, 46, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin schreibt über die magische Anziehungskraft des Mount Everest und warum wir froh sein können, das Matterhorn zu haben.

Klar, für uns Schweizer ist das Matterhorn der berühmteste Berg der Welt. Es ist unsere schönste Natur-Ikone, unser bester Werbeträger. Doch weit weg von hier, im fernen Himalaja, gibt es einen noch weltberühmteren Gipfel. Sein Name ist Everest. Mount Everest. Er liegt zwischen Nepal und China und geniesst den unangefochtenen Star-Status unter allen Bergen. Mit 8850 Metern über Meer ist er der höchste Erdengipfel - fast doppelt so gross wie das Matterhorn.

Nebst ihrer Berühmtheit haben die beiden Berge aber noch eine andere bemerkenswerte Gemeinsamkeit: Sie wirken magisch und ziehen Alpinisten an wie das Licht die Motten (böse Zungen sagen: wie ein Miststock die Fliegen). Am Mount Everest ist jetzt im Frühling Hochsaison. Seine Besteigung ist nur an wenigen Tagen im Jahr möglich, am besten stehen die Chancen im Mai. Deshalb ziehen alle Anwärter jeweils gleichzeitig los und trampeln sich gegenseitig auf die Füsse, was extrem gefährlich werden kann.

Derzeit warten in den Zeltlagern wieder mehrere Hundert Anwärter, bis das Zeitfenster kommt, um das Dach der Welt zu stürmen. Darunter ein 80-Jähriger, einer mit Beinprothese und etliche, die vorher noch nie mit Steigeisen und Eispickel am Berg waren.

Denn berühmt ist der Everest auch für die Rekorde, die auf seinem Rücken ausgetragen werden: der Älteste, der es je bis oben geschafft hat, der Jüngste, der erste Blinde, der Erste ohne Arme, der Erste mit HIV-Infektion, die ersten Zwillinge, der erste Hells Angel, das erste «Playboy»-Covergirl. Einer zog sich auf dem Gipfel bei minus 10 Grad nackt aus. Einer wollte nur in Unterhosen hoch. Einer rühmt sich, in der Todeszone Sex gehabt zu haben.

Hat ein Profi-Alpinist mehr Recht auf einen Rekord als ein Kriegsveteran?

Wir Daheimgebliebenen staunen: Ist das der Wahnwitz? Oder ist der Everest womöglich gar nicht so schwierig zu besteigen? Fakt ist: Wer heute auf den höchsten Berg will, kann die Expedition buchen wie Ferien auf den Malediven. Die Teilnahme kostet ab 70 000 Franken. Dafür gibt es professionell organisierte Betreuung rund um die Uhr - inklusive Sauerstoffflaschen, wenn die Luft dünn wird.

Sherpas, Köche, Träger und westliche Ärzte sorgen für das Wohlergehen der zahlenden Bergsteiger. Lokale Spezialisten, die «ice doctors», präparieren ihnen eine «Piste» mit Leitern und Seilen bis auf den Gipfel - Klettererfahrung ist nicht mehr nötig. Und auf dem Weg geben die gut ausgebildeten einheimischen Bergführer alles, damit ihre Schützlinge lebend zurückkehren.

Mit «echtem» Bergsteigen habe dieser Zirkus nichts zu tun, kritisieren berühmte Alpinisten. Einen Achttausender mit Sauerstoffmaske zu besteigen, sei etwa so, wie die Tour de France mit Doping zu gewinnen. Doch das Weltpublikum interessiert sich eben mehr für das «Playboy»-Model auf dem Gipfel als für die Sauerstoff-Frage. Und überhaupt: Hat ein Profi-Alpinist mehr Recht auf einen Rekord als ein Kriegsveteran mit amputierten Beinen? So gesehen ist ein «Playboy»-Häschen, das auf den Everest hoppelt, tatsächlich ein Erfolg.

Seien wir also zufrieden mit dem zweitweltberühmtesten Berg, dem Matterhorn. Dass dort eine prestigeträchtige Fotomodel-Invasion droht, ist eher unwahrscheinlich. Zum Glück.
 

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