«Senkrecht» mit Natascha Knecht Grün kann wirklich jeder

Natascha Knecht, 46, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin schreibt über Outdoor-Fans, Naturschutz und wie PFC in Wind- und Regenjacken sowie Schlafsäcken unsere Erde vergiften.

Es heisst, der Mensch sei ein kompliziertes Wesen. Doch das stimmt nur bedingt. Wir Outdoor-Fans und Liebhaber der Natur sind nämlich recht einfach gestrickt. Um glücklich und zufrieden zu sein, brauchen wir fast nichts. Nur frische Luft und gute Kleidung. Ein schlechter Tag im Grünen ist für uns besser als ein guter Tag im Büro.

Dass uns der Naturschutz am Herzen liegt, versteht sich von selbst. Deshalb reagieren wir immer ein bisschen pikiert, wenn die Umweltschutzorganisationen zweimal pro Jahr mit viel Lärm an die Medien treten, um uns ein schlechtes Gewissen zu machen. Eines der Themen, die uns regelmässig unter die Nase gerieben werden, ist unsere Ausrüstung. Viele Kleider, Schuhe, Zelte und Schlafsäcke von Outdoor-Firmen sind wie Teflon-Pfannen mit PFC behandelt, also mit per- und polyfluorierten Chemikalien. Diese hochgiftige Mixtur bewirkt, dass die Jacken wasserabweisend, windundurchlässig, atmungsaktiv und schmutzabweisend werden - genau wie wir sie brauchen, um jeder Witterung zu trotzen. Mit diesen Kleidern könnten wir auf den Mount Everest, an den Nordpol oder in die Eigernordwand, wenn wir denn wollten. Aber sie taugen auch für die City ganz gut und sind gerade gross in Mode.

Vorwürfe perlen an uns ab wie Regen an unseren Jacken

Greenpeace findet, diese Schadstoffe würden nicht zu unserem naturverbundenen Image passen. Wir finden das ja auch, aber wir schwören halt einfach auf die High-Performance-Produkte. Was sollten wir sonst tun? Nackt wandern? Wissen diese Öko-Heinis denn nicht, dass das bei uns verboten ist?

Nein, solch unappetitliche Sachen machen wir nicht. Lieber vertrauen wir unseren teuren Lieblingsbergsportmarken. Die Hersteller haben uns schliesslich schon vor Jahren versprochen, die Freisetzung solcher Chemikalien irgendwann zu vermeiden. Wann es so weit sein wird, weiss niemand. Doch es heisst, die vielen neuen Öko-Zertifikate, welche die Outdoor-Industrie jährlich auf den Markt wirft, hätten die Produktion sanfter gemacht. In China seien die Flüsse jetzt nicht mehr gelb wie früher, sondern grün - wie wir! Das ist doch eine positive Entwicklung, die wir unterstützen.

Darum kaufen wir gewissenhaft jedes Jahr eine neue Jacke. Es ist das Mindeste, was wir tun können, um die Welt zu einer besseren zu machen. Die alte Jacke würde zwar in den Sondermüll gehören, aber wir spenden sie wohltätig der Kleidersammlung. Jemand wird sie sicher noch lange tragen können und ein bisschen weniger frieren müssen.

Soll also noch einer sagen, wir Outdoor-Fans seien keine engagierten Förderer der Nachhaltigkeit und würden nichts Konkretes für die Umwelt unternehmen. Solche Vorwürfe perlen an uns ab wie der Regen an unseren Jacken - als wären wir selber mit PFC imprägniert.

Natürlich bekommt unser Leitspruch «Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung» in diesem Gift-Kontext eine leicht unschöne Bedeutung. Je «besser» die Jacken für uns sind, desto schlechter sind sie für die Natur. PFC kann sich nur extrem langsam abbauen. Zudem verhält es sich wie ein Virus: sehr reisefreudig. Mittlerweile findet man es in der Tiefsee, im Dung von Pinguinen, in der Leber von Eisbären. Und in unserem schönen Schnee in den Alpen. Von da gelangt es in die Nahrungskette und auf unsere Teller. En Guete!

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