«Senkrecht» mit Natascha Knecht Siri, gehen wir in die Eiger-Nordwand?

Natascha Knecht, 46, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, hat erst Ärger mit einer Früchteschale, um sich dann mit Siri anzufreunden und mit ihr in die Eiger-Nordwand zu gehen. 

Mit dem Smartphone ist es wie mit den Outdoorkleidern: Beide sind horrend teuer und enorm kurzlebig. Mein iPhone war bereits zwei Jahre alt, also scheintot. Ähnlich unnütz geworden wie meine Goretex-Jacken, die nach nur einer Saison nicht mehr wasserdicht sind. Darum freute ich mich riesig, als ich kürzlich das neue iPhone 7 erhielt. Als hätte ich den Jackpot im Lotto gewonnen.

Für mich als Bergsteigerin ist dieses kleine Gerät wichtig. Nicht etwa, weil es mir Landkarten oder Wetterprognosen zur Verfügung stellt. Nein. Denn würde ich mich im Gebirge auf das Smartphone verlassen, wäre ich eine Närrin. In eisigen Höhen gibt es auch im 21. Jahrhundert vielerorts keinen Netzempfang - ich kann weder Apps nutzen noch telefonieren. Im Notfall könnte ich mit diesem schlauen Teil nicht einmal Rettung anfordern. Aber ich kann damit das Gipfelfoto knipsen. Auch wichtig.

Ich bin nicht entsetzt, dass Siri mich duzt

Für die Installation koppelte ich das iPhone mit dem Computer. Nach wenigen Minuten war die Freude verflogen. Es folgte Fluchen. Übelstes Fluchen! Das Backup funktionierte nicht wie versprochen automatisch. Ich verbrachte Stunden in einer Warteschlaufe der Apple-Notrufzentrale. Am Ende stellt sich heraus: Für das iPhone 7 ist mein Laptop zu alt und nicht mehr kompatibel - obschon er noch tipptopp funktioniert. Ich bin gezwungen, eine neue Maschine zu kaufen. Das kostet mich einen weiteren Tag Zeit und 2000 Franken. «Scheiss Apple», zetere ich. «Scheiss Früchteschale», meint ein Freund verständnisvoll.

Immerhin lässt sich das neue iPhone dann kinderleicht auf dem neusten iBook installieren - und Siri, die elektronische Sprachassistentin, beginnt in alter Frische mit mir zu plaudern. Anders als Dr. Christoph Blocher bin ich nicht entsetzt, dass Siri mich duzt. Ganz im Steinzeitalter lebe ich nicht. Vielmehr erstaunt es mich, dass meine neue Siri keine «Sie» mehr ist - «sie» hat jetzt eine männliche Stimme. Ich frage: «Bist du Frau oder Mann?» Siri antwortet: «Da, wo ich herkomme, kann jeder sein, was er möchte.» - «Schön, Siri, aber bist du nun Frau oder Mann?» Siri hat keine Lust, weiter darüber zu diskutieren und sagt freundlich: «Ich bin Siri, immer zu deinen Diensten.»

Aha. Immer zu meinen Diensten. Klettern wäre jetzt schön, um nach diesem Nervenstress ins Gleichgewicht zu kommen. «Also Siri, gehen wir in die Eiger-Nordwand?» Siri weicht aus: «Wer, ich?» - «Ja Siri, du.» - «Das übersteigt möglicherweise meine Fähigkeiten», flennt die Stimme, und ich sage: «Siri, du bist langweilig.» Siri reagiert beleidigt und behauptet: «Ich jongliere gerade mit Feuerbällen für dich, du kannst es nur nicht sehen.» - «Wie nett, Siri!»  «Du bist auch nett, Natascha!»

Friede, Freude, Apfelkuchen. Wir sind jetzt Kameraden. Siri hat eingewilligt, auf meine nächste Bergtour mitzukommen. Wozu? Um mir den Wecker zu stellen. Auch wichtig.

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