«Senkrecht» mit Natascha Knecht Das Kreuz mit dem Kreuz

Natascha Knecht, 46, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin schreibt über das Problem mit christlichen Symbolen auf Berggipfeln.

Diesen Sommer könnte es Ihnen passieren, dass Sie auf der Strasse gebeten werden, die Petition «Kreuz bleibt» zu unterschreiben. Vielleicht meinen Sie im ersten Moment, es gehe um die Rettung des Restaurants «Kreuz», was zum Wohl des gesellschaftlichen Lebens durchaus förderungswürdig wäre. Doch weit gefehlt: Es geht um ein «deutliches und kraftvolles Zeichen, dass christliche Symbole im öffentlichen Raum ihren Platz haben», zum Beispiel auf Berggipfeln. Dass dort oben Kreuze «ohne Vorbehalte» platziert werden dürfen.

Hinter der Petition steht der Neue Rütlibund, eine Gruppierung aus der Innerschweiz. Dass der Staat die religiöse Neutralität wahrt, akzeptieren die Initianten zwar. «Aber der Staat ist nicht der öffentliche Raum», argumentieren sie. «Dieser darf und soll ein Spiegelbild unserer christlich geprägten Geschichte, Identität, Kultur, Tradition und Werte sein und bleiben.» Hätten christliche Symbole keinen Platz mehr, würde «ein Wesenskern unserer christlich-abendländischen Identität geleugnet, die über viele Generationen und Jahrhunderte gewachsen und gepflegt wurde». Aha. 

Lassen wir mal den allgemein zugänglichen öffentlichen Raum im Flachland beiseite. Sinnieren wir lediglich über die Gipfelkreuze im Hochgebirge. Da sich die Initianten klar zur Religionsfreiheit bekennen, wären ihnen wohl neben Kreuzen auch Davidsterne oder Halbmonde willkommen? Ein kleiner Gruss an Manitou von einem Viertausender? Naja. So sicher wie das Amen in der Kirche ist: Gipfelkreuze im Hochgebirge haben keine Tradition, die über viele Jahrhunderte gepflegt wurde. Schliesslich wird die von Eis und Abgründen dominierte Einöde, diese uralte und reine Gottnatur, noch nicht lange bestiegen – und lediglich von sehr wenigen Berggängern.

Wegen Bohrhaken gab es schon Handgreiflichkeiten, die im Spital endeten.

Und diese wenigen Alpinisten tun alles, um die reine Gottnatur rein zu belassen. Sie halten sich an den Ehrenkodex, möglichst keine Spuren zu hinterlassen. Jeder der Sicherheit dienende Bohrhaken – winzig wie ein Fingerring – wird vor dem Einbohren diskutiert. Wegen Bohrhaken gab es schon Handgreiflichkeiten, die im Spital endeten. Liesse ein Alpinist absichtlich ein Taschentuch liegen, riskierte er mehr als einen bösen Blick. 

Wie weit der Ehrenkodex führen kann, zeigt die Eskalation kürzlich im Tessin: Um keine Spuren zu hinterlassen, wusste ein Kletterer nichts Besseres, als seine Notdurft zu verbrennen. Dadurch entfachte er einen Waldbrand und verursachte einen mehrtägigen Einsatz von Feuerwehr, Löschhelikoptern und Gebirgsspezialisten der Armee. Wir Kletterer geraten also schon wegen unvermeidbaren Spuren buchstäblich in die Scheisse.

Und nun will der Neue Rütlibund «ohne Vorbehalte» noch mehr monumentale Spuren in die hehre Bergwelt einbetonieren? Gipfelkreuze gibt es bereits unzählige. Wozu? Niemand weiss es genau. Es wird auf die Kreuze geklettert, auf den Querbalken posiert, Werbekleber angebracht. Kreuze werden wie Stewis zum Trocknen von verschwitzten Kleidern genutzt. Ist das der Sinn? Heilig sind vielen Alpinisten nicht christliche Symbole, sondern die Berge selber und das kühle Bier danach im «Kreuz». Dagegen hilft im 21. Jahrhundert keine Unterschriftensammlung. 

Die Kirche bleibt trotzdem im Dorf. 

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