«Senkrecht» mit Natascha Knecht Wie peinlich für uns!

Natascha Knecht, 48, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin erklärt, welch Gockel man sein muss, um am Berg dazuzugehören. 

Was tun wir Bergsteiger noch lieber als auf Berge steigen? Richtig: darüber reden. Für uns gibt es nichts Schöneres, als detailliert von unseren Heldentaten in dünner Alpenluft zu erzählen. Respektive die Schilderungen so klingen zu lassen, als hätten wir echte Heldentaten vollbracht.

Besonders fällt mir diese Marotte jeweils in den SAC-Hütten auf. Wenn wir am Nachmittag vor oder nach einer Tour im engen, spartanischen Aufenthaltsraum sitzen. Wenn draussen ein kalter Wind pfeift und wir drinnen ohne Internetempfang absolut nichts zu tun haben. Und wie gefangene Raubtiere darauf warten, bis endlich 18.30 Uhr ist. Bis das Znacht serviert wird. Diese Wartestunden in den Hütten nutzen immer einige Bergkameraden, um sich als Helden aufzuspielen. Am Tisch oder in der Gruppe führen sie sich auf wie Gockel. Jeder von ihnen will der schönste und stärkste auf dem Miststock sein. Will mehr und schwierigere Touren gemacht haben. Selbstverständlich bei garstigsten Verhältnissen und zu ungünstigsten Jahreszeiten.

Jeder von ihnen will der schönste und stärkste auf dem Miststock sein. Will mehr und schwierigere Touren gemacht haben.

Ich wähle das Wort «Gockel» übrigens bewusst. Obwohl es alles andere als Gender-konform ist. Aber wir Frauen sind in SAC-Hütten nach wie vor in starker Unterzahl. Und die wenigen, die ich antreffe, geben sich selten aufgeblasen und überheblich. Auch wenn sie das durchaus dürften. Im Hochgebirge unterliegen wir dem Können der Männer nämlich keineswegs. An den Viertausendern sehe ich sogar oft, dass Frauen über mehr Pfupf, Durchhaltewillen und Technik verfügen.

Die Lauten sind nicht die Helden

Früher liess ich mich an solchen Hütten-Nachmittagen vom Gegockel der Männer beeindrucken. Oder gar einschüchtern. Was die schon alles erlebt haben! Wo die schon alles waren! Schon so viele schwierige Routen gemacht? Jesses! Und was kann ich? Nichts! 

Doch dann, am nächsten Morgen, wenn es in den steilen, vereisten Flanken ums Eingemachte geht, ist nicht selten alles umgekehrt. Jene, die angeblich alles können, sind auf einmal gar nicht die Helden, als die sie sich am Nachmittag dargestellt haben. Wie peinlich für die! Wie aufbauend für mich!

Am Berg kommt stets das wahre Gesicht zum Vorschein. Schwächen kann keiner vertuschen.

Das ist das Schöne. Am Berg kommt stets das wahre Gesicht zum Vorschein. Schwächen kann keiner vertuschen. So habe ich über die Jahre hinweg gelernt, mich von den Bluffs und Heldengeschichten der Männer nicht unterkriegen zu lassen. Je nach Laune erzähle ich jetzt auch manchmal von Erlebnissen, die noch wilder und verrückter tönen als die der anderen. Aus reinem Spass an der Provokation. Weil die Wartestunden bis zum Znacht ansonsten wirklich nicht zum Aushalten wären. 

Allerdings ist es mir dann schon passiert, dass ich am nächsten Morgen mit einer unerwartet schlechten Tagesform aufgewacht bin. Am Berg eine unsägliche Falle machte. Mit zwei linken Händen und zwei rechten Beinen kletterte. Warum? Weil im Lager ein übler Schnarcher neben mir lag, ich kein Auge zutun konnte und deswegen extrem müde war. Trotzdem habe ich durchgebissen und die Tour geschafft. Hauptsache, es klingt heldenhaft!

 

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