«Senkrecht» mit Natascha Knecht Sie nennen es Pilgern

Natascha Knecht, 48, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, stellt erstaunt fest, worum es bei einer Pilgerreise anscheinend wirklich geht.

Neulich las ich in einem katholischen Pfarrblatt einen denkwürdigen Bericht über das Pilgern. Konkret ging es um den Jakobsweg in Spanien, den berühmtesten Weit-Wanderweg Europas. Er ist mehrere hundert Kilometer lang und führt zum angeblichen Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela. Wer dort ankommt, erhält die traditionelle Urkunde. Allerdings nur, wenn der Pilger die vorgeschriebenen Stationen im Stempelausweis nachweisen kann. Und mindestens die letzten 100 Kilometer zu Fuss oder 200 Kilometer mit dem Velo zurückgelegt hat.

Die Regeln sind streng. Aber offenbar sehnen sich die Leute nach Richtlinien, denn der Jakobsweg ist ein Magnet. Von Jahr zu Jahr wächst der Ansturm. Die meisten pilgern zu Fuss, viele auch per Velo oder Pferd, einige im Rollstuhl. Sie stammen aus aller Welt. 2017 stellte das Pilgerbüro in Santiago exakt 301 036 Urkunden aus. «So viel wie noch nie! Rekord!», berichtete das katholische Pfarrblatt stolz.

Frauen kennenlernen auf dem Jakobsweg

Ich versuchte mir vorzustellen, was da abgeht, wenn 300 000 Pilger unterwegs sind, die Hälfte von ihnen im Juli und August. Bedeutet das nicht Dichtestress wie auf einem Hauptbahnhof zur Hauptverkehrszeit? Und um was geht es beim modernen Pilgern überhaupt? Um Religion? Ums Wandern? Um die Natur? Selbstfindung?

Ich versuchte mir auch vorzustellen, was das für Leute sind, die zu einem Grab wandern. Sind das Gläubige? Mönche, Nonnen? Dann kam mir ein Bekannter in den Sinn, der sich vor einigen Jahren eine Auszeit nahm und sich vier Wochen auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela begab. Er war 35-jährig und gehörte zu den Ersten, die sich damals einen Hipster-Vollbart wachsen liessen. Als er zurückkam, äusserte er sich hell begeistert. Noch nie habe er in so kurzer Zeit so viele Frauen kennengelernt.

Auch Hape Kerkeling berichtet von Spass auf der Wanderung

Anders als auf den Schweizer Wanderwegen seien auf dem Jakobsweg in Spanien nicht vor allem Rentner unterwegs. Sondern junge Leute, die abends gerne Rioja trinken und Party machen. Sein Vollbart sei ein ideales Mittel gewesen, um in Kontakt zu kommen. Überall hätten ihn Pilgerinnen darauf angesprochen. Manchmal sei mehr daraus geworden.

Ob Letzteres wirklich stimmt, weiss ich natürlich nicht. Doch gemäss offiziellen Zahlen des Pilgerbüros beträgt der Frauenanteil 49 Prozent, ein Drittel ist jünger als 30, die wenigsten sind religiös. Und ich erinnere mich, dass auch Hape Kerkeling in seinem Megabestseller «Ich bin dann mal weg» von erotischen Abenteuermöglichkeiten mit Pilgerinnen auf dem Weg zum Jakobsgrab berichtete.

Vorsicht, aufdringliche Männer!

Das mag vielleicht reizvoll klingen. Aber bevor Sie, verehrte Männer, jetzt Ihren Bart wuchern lassen und sich auf die Socken machen, möchte ich noch die Schilderungen einer Kollegin erwähnen. Auch sie pilgertealleine nach Santiago de Compostela. Auf einsamen Abschnitten sei ihr oft angst und bange geworden – wegen aufdringlicher Männer! Darum sei sie gerne im Schutz der Menschenmasse gewandert. Und sie habe, wie es Sologängerinnen auf dem Jakobsweg heute empfohlen wird, einen Pfefferspray dabeigehabt.

So läuft also modernes Pilgern in Spanien? Wenn das der Papst wüsste!

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