«Gschichte vo hie und hütt» mit Pedro Lenz Einzigartigkeit und Einsamkeit

Pedro Lenz, 50, Mundart-Schriftsteller und Publizist, sinniert in seiner Mundart-Kolumne für die «Schweizer Illustrierte» über die Schweiz und ihre Einzigartigkeit und was diese für Folgen haben kann.

Imire Chindheit han i e Mitschüelere gha, wo wahnsinnig begabt isch gsi. Si isch i de Sproche begabt gsi und im Rächnen und ir Musig und überhoupt i jedem Fach. Hätt aber d Soziaoukompetänz ou zu de Schueu-Fächer zöut, de hätt si dört wahrschiinlech en ungnüegendi Note gmacht. Di Mitschüelere het fasch aues guet chönne, nume ds Talänt zur Fründschaft, das het ere gfäuht. Si het sech gärn chli abghobe, vo üs Klassekamerade. Si het nis immer wieder z spüre ggä, wie einzigartig, dass si isch, und zletscht isch si wägen ihrer Einzigartigkeit rächt unbeliebt und einsam gsi.

Guet, i gibes zue, möglecherwiis si mir angere Ching denn nid ganz unschuudig gsi ar Situation vo däm überbegabte Meitschi. Mir hei se säute lo mitspiele, mir hei se gärn gfoppet, und mir hei jedes Mou Fröid gha, wenn ere es Missgschick isch passiert. Aber das Verhaute vo üs, das het die Mitschülere mit ihrere besserwüsserischen Art immer wieder provoziert.

Das aues isch mer i Sinn cho, won i chürzlech im ne Läserbrief fougende Satz ha gläse: «Schliesslich haben wir vier Landessprachen, und das ist einmalig auf der Welt.»

Dä Läser, wo das gschribe het, isch offesichtlech totau überzügt dervo, dass üsi Viersprochigkeit einmalig isch uf der Wäut. Me chönnt jo mit guetem Rächt behoupte, üsi Viersprochigkeit sig es Gschänk oder üsi Viersprochigkeit sig öppis, wo nid aui hei. Das wär sicher wohr. Aber nei, dä Läser behouptet, d Schwiz sig mit vier Sproche einmalig uf der Wäut.

Mir si es einzigartigs Land. Aber aui angere Länder si äbefaus einzigartig

Derbi isch Spanie es Land, mit föif offiziell anerkannte Sproche. Belgien und Luxemburg hei je drü Landessproche. Und giente mer chli witer go umelose, uf Nigeria zum Bischpüu, de würde mer dört über füfhundert Sproche ghöre! Vo dene füfhundert si näbem Änglisch no acht witeri Sproche offiziell anerkannt. Si hei so wouhklingendi Näme wi Edo, Efik, Asamaua-Fulfulde, Hausa, Idoma, Igbo, Zentral-Kanuri und Youruba.

Südafrika het sogar öuf amtlechi Landessproche, auso fasch drü Mou so vüu wi d Schwiz.

Worum sägen i das? Wöus mer scho meh ufgfauen isch, dass Schwizerinnen oder Schwizer meine, üsi Mehrsprochigkeit sig einzigartig uf der Wäut. Natürlech si mir es einzigartigs Land. Das isch guet und richtig, und a däm darf men ou Fröid ha. Aber aui angere Länder si äbefaus einzigartig. Wenn mer das vergässe, de meine mer am Schluss nid nume, mir sigen einzigartig, sondern mir chönnte no ds Gfüeu übercho, mir sigen öppis Bessers.

Einzigartigkeit isch öppis Schöns. Weniger schön isch es hingäge, wenn me meint, di eigeti Einzigartigkeit sig unerreicht uf der Wäut. Es cha eim de plötzlech eso go wi dere Mitschüelere, wo vor luter Beharre uf ihrere Einzigartigkeit i d Einsamkeit abgrütscht isch.

Im Dossier: Weitere Geschichten von Pedro Lenz und «Notabene»-Kolumnen

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