«Gschichte vo hie und hütt» mit Pedro Lenz «Es Opfer uf der Flucht»

Pedro Lenz, 51, Mundart-Schriftsteller und Publizist, sinniert in seiner Kolumne für die «Schweizer Illustrierte» über den Gebrauch des Wortes Opfer.

Vor paarne Tag bin i früech im Zug ungerwägs gsi. Brav wi guet dressierti Hundeli hei wieder aui Pändler d Gratiszitig gläse. A däm Morgen isch i dere Zitig unger angerem öppis über nes Gwautverbräche ir Oschtschwiz gstange. En unbekannti Person het en angeri Person umbbrocht gha. Ir Iileitig zum Artiku hets i fette Buechstabe gheisse: «Das Opfer konnte entkommen.»

Zersch han i gmeint, das müess e Fähler si. Es sig e journalistischi Piinlechkeit, han i no ddänkt. Bim ne Verbräche, wo wahrschiinlech nume zwöi Persone beteiliget si, söttis jo nid so schwierig si, zwüsche Täter und Opfer z ungerscheide. I ha mer scho überleit gha, bi dere Zitig nochezfroge, wi das möglech chöng si, dass ds Opfer uf der Flucht sig und nid der Täter.

Aber nächär han i no chli länger drüber nocheddänkt. Und de isch mer dür e Chopf ggange, wi das Wort Opfer hütt meischtens bruucht wird. Opfer isch i de letschte Johr es Schimpfwort worde. I ghöre jedefaus fasch jede Tag, wi irgende Junge zum nen angere seit: «Haut d Frässe, du Opfer!» oder «Was wosch no liire, du huere Opfer?»

Opfer isch i de letschte Johr es Schimpfwort worde - im Sinn vo «tumme Siech»


Vilecht het jo dä Artiku öpper us der junge Generation gschribe, ischs mer dür e Chopf. Irgende jugendleche Lokaujournalischt, wo der Ungerschied zwüsche Täter und Opfer gar nümm genau glehrt het. Und für sini Generation cha wahrschiinlech öpper, wo uf der Stross en angere verbrätschet oder erschiesst, tatsächlech aus Opfer aagluegt wärde, eifach Opfer im Sinn vo «tumme Siech» oder «Idiott». Eso gseh wär de der Satz «Das Opfer konnte entkommen» wieder einigermasse logisch, wöu d Begriffe Täter und Opfer ir Autagssproch ungerdesse fasch ustuuschbar si.

Wenn me das einisch verstange het, de versteit me vilecht ou, worum dass mer mängisch so vüu Schwierigkeite hei, zwüschen dene Begriffe z ungerscheide. Näh mer einisch aa, öpper wärdi bombardiert und verlüüri sini Aaghörige, verlüüri sis Huus, sis Outo, sis Veh, sis Ersparte, sis Dorf, verlüüri eifach aues, won er het gha. Wenn jetz dä, wo auso aues het verlore, beschliesst, är müess nöime häre flüchte, won er i Sicherheit isch, de wär er nach auter Vorstellig es Opfer uf der Flucht. Aber wenn mer Opfer und Täter aus Begriffe dürenangbringe, de chas ou passiere, dass men e söttige Mönsch, wi ne Täter behandlet.

Der Zug isch aacho. Bevor si usgschtige si, hei aui Reisende wi guet dressierti Hundeli d Gratiszitig zämegleit und uf der Ablag lo lige. Si mir au zäme, wo jede Tag so brav und fougsam churzi Mäudige über Opfer und Täter läse, säuber Täter oder Opfer, han i mi gfrogt. D Antwort han i bis hütt no nid gfunge. Wär das e Gratiszzitig müesst i wahrschiinlech schriibe: «Die Antwort konnte entkommen.»
 

Im Dossier: Weitere Geschichten von Pedro Lenz und «Notabene»-Kolumnen

Auch interessant