Notabene Peter Bichsel Ob ich ein Zeitzeuge bin?

Peter Bichsel, 79, Schriftsteller und Publizist, über Lebenserfahrung, den Zweiten Weltkrieg und Erinnerungen.

Eine Frau sagt zum alten Mann, zu mir: «Sie haben doch so viel Lebenserfahrung, ich wollte Sie fragen wegen der Kriege im Irak, in der Ukraine, in Syrien»; und hätte ich Lebenserfahrung, was würde sie mir helfen bei diesen Themen - vielleicht ein Schulterzucken, Resignation. Nein, ich bin in meinem Leben kein erfahrener Mann geworden, nicht mal ein Menschenkenner, und was ich kann und weiss und glaube, das alles habe ich gelernt - nichts, gar nichts ist mir zugefallen durch Erfahrung, ausser eben ab und zu die Resignation, das Schulterzucken.

Und zugefallen ist mir auch ein Leben, das ich mag und mitunter bestaune: Die kleinen Kinder, die vor ein paar Tagen zum ersten Mal ein paar Schritte machten und jetzt schon richtig gehen und stolz sind darauf und sich freuen und hinfallen und aufstehen; zu ihnen passt das Wort Erfahrung wohl eher als zu den Alten, die nicht erfahren sind, sondern eher erfahrungsmüde.

Ich bin in meinem Leben kein erfahrener Mann geworden, nicht mal ein Menschenkenner

Vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg, Generalmobilmachung, ich war damals vierjährig, und ich erinnere mich. Ich erinnere mich an meinen Stolz auf meinen Vater, der ein richtiger Soldat war und einrücken musste, ich erinnere mich an die Aufregung darüber, ich erinnere mich sogar noch an den Namen seines Hauptmanns, Hauptmann Nievergelt, kein einfacher und ein eher seltener Name, und ausgerechnet den weiss ich noch, wo mir sonst die einfachsten Namen von bekannten Schriftstellern und von guten Freunden nicht mehr einfallen wollen.

Aber an die Szene des Abschieds, die doch sehr emotional gewesen sein muss, erinnere ich mich nicht. Nur ein einziges Bild hat sich mir eingeprägt - und es fällt mir nicht nur jetzt wieder ein, sondern es hat mich ein Leben lang begleitet: der Tornister des Vaters, noch nicht fertig gepackt, angelehnt an eine hellgelbe Wand im Gang unserer Wohnung in Luzern. Weder die Mutter noch der Vater sind auf diesem Bild, nur die Wand und der Tornister - ein ästhetisches Stillleben.

Und später waren im Schulhaus in der Nähe Soldaten einquartiert, und auch von dem nur ein einziges Bild, und ich sehe es genau, wie wenn ich ein Foto vor mir hätte: ein Soldat, der Wache hält, nicht mit einem Gewehr, sondern mit einem Bajonett mit einem ziselierten Griff aus Messing, das er wie einen Säugling vor der Brust in seinen Armen hält. Offensichtlich, das fiel mir viel später ein, war das ein unbewaffneter Sanitätssoldat, der mit seinem Faschinenmesser Wache stand.

Dann irgendwo in Luzern General Guisan, der aus seinem hellgrünen Auto steigt, gebückt, einen Fuss noch im Auto, den anderen schon auf dem Trottoir, und auch das als Momentaufnahme. Und ich weiss, dass ich ihm, wie viele andere Kinder auch, die Hand gegeben habe, aber das weiss ich nur noch, ich erinnere mich nicht wirklich daran.

Bilder, Bilder - eine stehende und absolut lautlose Welt: ein orientalischer Pascha, der mit einem Heer von weiss verschleierten Frauen ins Hotel Schweizerhof zieht - ein stehendes Bild, mein Hirn hat Klick gemacht, ohne etwas zu wissen von Fotografie.

«Ja, gute Frau», hätte ich sagen können, «an Lebenserfahrung hätte ich Ihnen doch einiges anzubieten, einen Tornister vor einer gelben Wand, ein langes Bajonett mit Messinggriff, einen gebückten General und einen Pascha mit seinem Harem - und Entschuldigung, was war Ihre Frage?»

Und da wäre noch ein Buchsbaum, der vor einem Bankgebäude an der Pilatusstrasse stand, bis vor einigen Jahren, und ich habe ihn bis dann jedes Mal, wenn ich in Luzern war, besucht. Er ist meine allererste Erinnerung, und er war mir sehr wichtig. An diesem Baum war ich ins Leben erwacht. Dann Frau Käch, die auf dem Nachbarsbalkon die Militärtrompete ihres Mannes poliert, und einen Schmetterling und schneeweisse Eskimos in der Völkerschau des Zirkus Knie. Ich hielt sie fälschlicherweise für Eskimos. Viel später stellte sich heraus, dass es afrikanische Albinos waren.

So viel zu 1939. Vor 75 Jahren war in der Schweiz die Generalmobilmachung. Vor 25 Jahren feierte die Schweizer Armee noch den Beginn des Weltkrieges mit den sogenannten Diamantfeiern. Darüber, dass man einen Kriegsanfang feiert, waren viele Schweizer entsetzt und viele begeistert. Diamant? Ja ich erinnere mich, die Kristalle.

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