Notabene Peter Bichsel Von Asmanit bis Dingelstedt

Peter Bichsel, 79, Schriftsteller und Publizist, über seinen Vater, Kindheitserinnerungen und wieso man die Unzulänglichkeiten seiner Freunde lieben sollte.

Nach langem, erfolglosem Nachdenken über Nichts auf meinem Schreibpult die beiden Elefanten vor mir entdeckt. Sie stehen schon über 20 Jahre hier und fallen mir nicht mehr auf. Jetzt sehe ich sie plötzlich, ich entdecke sie neu, und sie überraschen mich so, wie wenn ich sie noch nie hier gesehen hätte. Ein Briefbeschwerer, ein grosser und ein kleiner Elefant aus Bronze auf eine Platte geschraubt. Die Spitze des Rüssels des Grossen ist abgebrochen, ein Stosszahn fehlt ihm.

Bei meinen Eltern zu Hause standen die Elefäntchen in der Glasvitrine vor dem 17-bändigen uralten Lexikon, das ich verehrte und durchlas vom ersten bis zum letzten Band. Band 1 «Von A bis Aslang», Band 2 «Von Asmanit bis Biostatik», «Von Biot bis Chemikalien», «Von Chemillé bis Dingelstedt». Ich entdeckte erst spät, dass das Lexikon alphabetisch geordnet ist und dass diese Buchtitel nichts anderes waren als das jeweils erste und letzte Wort des Bandes. Ich aber hielt sie sozusagen für geografische Eckpunkte einer grossen fremden Welt. Auch das Lexikon steht jetzt hier in meinem Zimmer. Damals als Kind sagte ich: «Wenn ihr mal nicht mehr seid, dann will ich nur das Lexikon und die Elefäntchen.»

Das Lexikon und die Elefanten bildeten für mich eine Einheit, die Einheit des Exotischen

Jetzt, wo ich die Titel von den Buchrücken abschreibe, «Von Kaustik bis Langenau», fällt mir auf, wie vertraut mir diese Titel immer noch sind, ich muss sie als Kind in Ehrfurcht auswendig gelernt haben. Und das Lexikon und die Elefanten bildeten für mich eine Einheit, die Einheit des Exotischen.

Als ich die Elefanten nach dem Tod des Vaters mitnahm, stellte ich entsetzt fest, dass der grosse jetzt zwei Stosszähne hatte. Mein Vater hatte ihm einen zweiten Zahn aus Holz geschnitzt und akribisch zu Elfenbein gefärbt. Das tat er offensichtlich erst nach dem Tod der Mutter. Er hätte nicht gewagt, den Elefanten zu verbessern, solange seine Frau noch lebte, denn meine Mutter hasste die Elefanten, sie waren das schäbige Hochzeitsgeschenk eines geizigen Onkels.

So zog ich ihm den Zahn also wieder, lockerte auch die Schrauben, mit denen die Elefanten auf der Platte befestigt sind, damit sie wieder wackeln, wenn man sie berührt, und stellte so den «Originalzustand» wieder her.

Nein, ich kann mit Souvenirs nichts anfangen. Und dass ich sie damals mitgenommen habe, das war nur meine Treue gegenüber dem Kind, das mal gesagt hat, dass es nur das Lexikon und die Elefanten wolle, jenem Kind, dessen Welt zwischen Mauria und Nordsee (Band 12) stattfand, jenem Kind, das lesend aufbrach in die Welt des Unverständlichen. Inzwischen ist das Kind so alt wie der Vater wurde, langweilt sich im Wikipedia herum und glaubt sogar, etwas von Fussball zu verstehen. Wie mein Vater damals, der, nachdem er sich einen Fernseher angeschafft hatte, innert drei, vier Wochen auch zum Fussballexperten wurde, etwas, das ihn ohne Fernsehen nie interessiert hätte.

Er war ein hervorragender Handwerker, und er interessierte sich, und er wusste viel, und er erzählte sein Wissen. Jetzt aber begannen seine Erzählungen mit: «Am Fernsehen haben sie kürzlich…», und das waren nicht mehr seine Geschichten, nicht mehr das Original, nur noch der Abklatsch.

Eigentlich, das fällt mir erst jetzt ein, nahm ich ihm hinterher übel, dass er den zweiten Zahn des Elefanten ersetzt hat. Geliebte Gegenstände liebt man für ihre Mängel - der arge Kratzer auf der alten Schallplatte im zweiten Satz des Streichquartetts. Der Kratzer macht die Schallplatte einmalig. Sie wird durch ihre Mängel original.

Und auch Menschen unterscheiden sich viel deutlicher durch ihre Mängel und Unzulänglichkeiten, als durch ihre brillanten Fähigkeiten. Und wer sich verliebt, verliebt sich auch in die Mängel des Freundes, der Freundin. Sie machen die Freundin einzigartig.

Wir gehen immer davon aus, dass unsere Biografien durch unsere Fähigkeiten bestimmt sind. Sind sie nicht viel mehr durch das bestimmt, was wir nicht können? Warum sind Sie Schriftsteller geworden? Weil ich ein schlechter Fussballer war! Und meine Linkshändigkeit hat mich wohl mehr geprägt als alles Können. Hätte ich das Talent gehabt, ich hätte die Tour de France gewinnen wollen, inzwischen bin ich froh, dass ich das nicht musste.

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