Notabene Peter Bichsel An einem heissen Sommertag

Peter Bichsel, 79, Schriftsteller und Publizist, über die beeindruckendste Beerdigung, die er je erlebt hat.

Warum eigentlich sind wir gekommen, wir neun, ich kenne nur zwei davon; den einen habe ich schon jahrelang nicht mehr gesehen, den Zweiten kenne ich nur flüchtig. Nun stehen wir da auf der Wiese in einer Reihe, wir sind zu wenige für einen Halbkreis, etwas verlegen, unter wenigen gibt es kein Versteck, kein Ich-bin-zufällighier, wir werden, ohne zu wollen, zur Sekte, zu Verschworenen. Vor uns im Gras die Urne, viel zu weit vor uns, eine einsame Urne, dahinter die Pfarrerin und ein Mann in Anzug und Krawatte, der Gemeindepräsident dieser grösseren Vorortsgemeinde.

Das ist lange her, es war Sommer, ein heisser Tag, ein heisser Tag wie heute, eben ein Tag, der fast nichts anderes ist als heiss, und dieser Tag erinnert mich an jenen anderen und gleichen vor Jahren. Tags zuvor haben sie mir in der Beiz gesagt, dass morgen der Longman beerdigt werde, und gefragt, ob ich auch komme. Sie kamen alle nicht. Und unter uns neun gab es keinen einzigen Trauernden. Wir sind nur gekommen, um ihn wenigstens hier nicht allein zu lassen. Nun steht er da, der Longman, zwei Meter gross und kräftig, ein paar Meter vor uns, allein, immer noch allein, in seiner kleinen Urne im Gras. Ein Unfall beim Heuen.

Er stank, er stank fürchterlich. Das gehörte zu ihm wie ein Markenzeichen

Der Longman, ich weiss nicht, wie er geheissen hat, ich wusste das nie. Der Name muss ja bei seiner Beerdigung erwähnt worden sein, aber er wollte nicht zu ihm passen. Man sprach ihn auch immer mit Longman an: «Du, Longman.» Nicht nur seine Grösse erinnerte an einen Baum, auch seine Hände, seine Füsse, sein Gesicht - ein Waldgeist, und wer ihn nicht kannte, der konnte sich vor ihm fürchten. Und er hatte eine Eigenschaft, die auch die schönsten Waldtiere haben, der Fuchs, der Dachs - er stank, er stank fürchterlich. Das gehörte zu ihm wie ein Markenzeichen.

Im Übrigen aber benahm er sich in der Beiz wie ein Herr, wie ein Grossbauer, sass am Tisch, das eine lange Bein über das andere geschlagen, und las die Zeitung frei in der Luft haltend, mit der Eleganz eines englischen Lords. Das fiel auf, denn lesen war in dieser Beiz nicht üblich. Und er war wirklich belesen, er wusste alles, die Namen sämtlicher Hauptstädte, die Namen sämtlicher Ministerpräsidenten, sämtlicher Schlachten und Kriege, sämtlicher Flugzeuge, Autos, Traktoren. Und wenn er sprach, dann sprach er wie ein Schullehrer des 19. Jahrhunderts. Seine Rede war immer belehrend.

Mich mochte er nicht. Dafür hatte ich Verständnis. Er wusste von meinem Beruf und zweifelte mit Recht an meinem Wissen. Vielleicht hatte ich auch mal während seiner Rede gelächelt - wie auch immer, ich jedenfalls mochte ihn, und ich bewunderte ihn für sein Leben und seine Haltung. Die Leute, die ihn nur vom Sehen kannten, mögen ihn wohl für einen Landstreicher gehalten haben. Das war er nicht, er war arbeitsam, er arbeitete gern und am liebsten hart. Einmal hatte er sogar einen Auftrag der Armee, Lederriemen oder so etwas, eine unheimliche Menge. Über die Armee wusste er auch alles. Und bei all dem war er allein - nicht etwa durch seinen Gestank, sondern viel mehr durch sein Wissen und der gnadenlosen Hartnäckigkeit seiner selbst gebastelten gutbürgerlichen Philosophie.

Und dann kam die Liebe, Longman verliebte sich. Und weil er ein Mann war, ein Mann mit Prinzipien, heiratete er. Und er wohnte mit der Frau in einem Zelt im Wald. Es wurde übrigens auch erzählt, die Frau habe Geld geerbt. Man wolle seine Ehe für ungültig erklären, erzählte er. Es endete jedenfalls so, dass man die Frau in ein Heim steckte und ihm verbot, sie zu besuchen. Der Longman war sehr traurig. Er zog in eine andere Gemeinde, eben in jene, auf deren Friedhof wir nun standen, war jetzt zum Teil armengenössig, arbeitete noch als Taglöhner ab und zu und…

Da standen wir nun, und die Pfarrerin begann mit ihrer Predigt, die mich tief beeindruckt hat, eine Predigt, wie sie sie wohl auch für einen Regierungsrat gehalten hätte, dann ein Gebet, das Unservater, von neun Leuten halb mitgemurmelt, und der Gemeindepräsident hielt eine Rede auf den Fremden, der für die Gemeinde ja auch eine Last war, Lebenslauf und freundliche Bemerkungen zu seiner Person.

Keine andere Beerdigung hat mich mehr beeindruckt. Eine Beerdigung ohne Trauernde. Neun Leute, die nur gekommen sind, um ihn nicht allein zu lassen und um sich irgendwie zu verabschieden. Zu verabschieden von irgendeinem Baum, von irgendeinem Menschen, nicht mehr und auch nicht weniger.

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