Notabene Peter Bichsel Vom verlorenen Charme des Spiels

Schriftsteller und Publizist Peter Bichsel, 79, über den einstigen Charme von Fussball und den mittlerweile herrschenden Krieg, Tore zu erzielen.

Vor 40 Jahren in Ohio, Oberlin College, eine Schule mit hervorragender Bildung, hervorragenden Studenten, angenehmen Kollegen und Kolleginnen - aber ausser dem nichts anderes mehr, keine Kneipe, kein Kino, keine Wanderwege, nur noch eines: Eishockey. Ob mir das gefiel oder nicht, es blieb mir nichts anderes übrig, als fast täglich zum Eishockey zu gehen.

Nun sagte ich den Studenten, Söhne und Töchter aus besten Familien, dass ich übers Wochenende nach New York gehen werde, und sie versuchten mich augenblicklich, davon abzuhalten, vor allem Steven, der kräftige, furchtlose Hockeystürmer. Mit einer Träne im Auge bat er mich eindringlich, ja nicht hinzugehen, das sei zu gefährlich, nie im Leben würde er da hingehen, würde er das wagen.

Ich sei schon da gewesen, und ich liebte New York, sagte ich, und wie es käme, dass man die ängstlichen Amerikaner nicht dazu bringen könne, nach New York zu gehen, aber in den Krieg, in den Vietnamkrieg zu Beispiel, schon.

Steven sagte: «Im Krieg wüsste ich, wer der Feind ist und wer mir gefährlich werden kann. In New York aber wäre es ein Zufall.» Das wollte mir nicht einleuchten, und die Diskussion darüber war lang und erfolglos. Aber ich erfuhr dabei, dass für die Amerikaner der Zufall an und für sich etwas Unanständiges war, sogar etwas sündhaft Heidnisches.

Fussball zum Beispiel hat in Amerika als populärer Sport nie eine Chance gehabt. Und ich glaube, der Hauptgrund dafür ist, dass Fussball mitunter vom Zufall lebt und auch mit dem Zufall spielerisch umgeht. Der Zufall macht den Charme des Fussballspiels aus. Der Zufall ist erträglicher als die selbst verschuldete Niederlage. Aber für Amerikaner wäre genau dieser Zufall so etwas wie ein Gottesurteil und als solches unerträglich.

Das Spiel wird mehr und mehr zum Krieg, der Konkurrent muss vernichtet werden

Oder täusche ich mich? Denke ich, wenn ich an Fussball denke, immer noch an unser kindlich dilettantisches Tschutten hinter dem Schulhaus? Denn Fussball war schon ein weltweit erfolgreiches Spiel, bevor es Fernsehen gab. Und erfolgreich war es, weil es ein einfaches Spiel war mit einfachen Regeln und das Einzige, was man zum Spielen brauchte, war ein Ball. Und alle spielten Fussball, auch jene, die es überhaupt nicht konnten, ich zum Beispiel, der in seiner ganzen Jugend nie entdeckte, dass die, die es können, nicht wie ich den Ball mit der Schuhspitze spielten, sondern Innenrist, Aussenrist, Vollrist. Und irgendwie ging der Ball dann halt rein.

Der Zufall macht den Charme des Fussballspiels aus. Die bessere Mannschaft gewinnt nicht zum Vornherein, auch die Überlegenen können das Pech auf ihrer Seite haben und die Unterlegenen das Glück. Und selbstverständlich versucht der gute Trainer mit allen Mitteln den Zufall auszuschliessen; und wenn ihm das nicht gelingt, dann bleibt auch ihm nur noch die Hoffnung auf den Zufall, die Hoffnung darauf, dass der Ball irgendwie zwischen die Pfosten, zwischen die beiden Schultornister geht.

Diesen Fussball werden wir mit Sicherheit an den kommenden Weltmeisterschaften nicht sehen. Aus dem Spiel ist Ernst geworden. Um Tore ging es auch damals hinter dem Schulhaus, aber sie waren so billig wie zufällig. Inzwischen sind sie verdammt teuer geworden, diese Tore. Und das Spiel wird mehr und mehr zum Krieg, zum Wirtschaftskrieg, der Konkurrent muss vernichtet werden.

Dazu braucht es alles, was es auch im Wirtschaftsleben braucht: Innovation, Perfektion, Disziplin, Belastbarkeit, technisches Können, Hartnäckigkeit und Durchhaltewillen. Wir werden die besten Fussballer sehen, die wir je gesehen haben, und ich werde ihr Können mit Staunen verfolgen.

Und ein Eins-zu-null genügt, denn das heisst Sieg. Und wenn das eine Tor die Schweizer schiessen, dann bin ich zufrieden. Das Resultat genügt. Die Leute in der Fankurve, die während des ganzen Spiels grölen und hüpfen und tanzen, die sind schon längst nicht mehr am Spiel interessiert. Sie sehen es nicht einmal. Sie feiern anderthalb Stunden lang zum Voraus nichts anderes als die Vernichtung des Gegners. Sie sind die Militärkapelle des Krieges, und Hooligans machen nichts anderes als Fussballspielen mit anderen Mitteln.

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