Notabene Peter Bichsel Mein japanisches Taschenmesser

Peter Bichsel, 79, Schriftsteller und Publizist, über die Vergangenheit und wie das Informationszeitalter Bubenträume zerstört.

Auf dem Weg zu meiner Schreibstube vor einem Schaufenster des Spielwarenladens stehen geblieben, lange, sehr lange stehen geblieben, ohne es zu bemerken, ohne eigentlich etwas anzuschauen - eher über etwas nachzudenken, aber ohne zu wissen über was. Nun spricht mich eine Frau an. «Schön, diese Autos», sagt sie, und ich erwache wie aus einem Traum und sehe jetzt, was mich hier festhielt, Tretautos aus Blech für kleine Kinder.

«Ja, so eines hätte ich als Kind gern gehabt», sage ich, «aber sie waren zu teuer.» Ich hätte nicht einmal daran gedacht, mir so etwas zu wünschen, das war damals nur für Kinder reicher Eltern.

Und der Traum ist nicht erfüllbar hinterher - ich bin zu gross geworden. In der Schreibstube angekommen, suche ich nach einem Zettel mit einer wichtigen Notiz, von dem ich zwar weiss, dass er längst verloren ist, dafür finde ich ein Taschenmesser, eines dieser vielen Taschenmesser, die ich mal gekauft habe. Nein, ich sammle keine Taschenmesser, ich rede mir nur immer wieder ein, dass ich dringend eines brauche. Für ein Taschenmesser bin ich nicht zu gross geworden. Der Bubentraum lässt sich noch und noch verwirklichen. Ich weiss bei diesem einen auch noch, wo ich es gekauft habe, in Winterthur, und ich glaube zu wissen, dass es ein japanisches Messer ist. Ich öffne es, und ich schliesse es, prüfe die Schärfe der Klinge, bestaune es - es ist schön, wunderschön.

Das Wunder ist nur noch das Internet, in dem die ganze Welt aufgelistet ist

«Moki» steht drauf. Und ich gebe das Wort im Google ein, nicht um etwas zu erfahren, sondern einfach so, und weil der PC vor mir steht, und auch ohne Aussicht auf Erfolg. Und da erscheinen die Links noch und noch, als ob im Internet nichts anderes drin wäre als «Moki» - und ich erschrecke. Das Träumen über den Bubentraum ist aus, die Realität hat mich eingeholt. Ja, es ist japanisch, und ich finde sogar eine Abbildung meines Messers, weiss jetzt auch, dass der Griff aus Thujawurzelholz ist und staune über den horrenden Preis, staune auch, dass das Internet das weiss, in keinem Lexikon in Buchform hätte ich das gefunden. Aber der Bubentraum ist kein Wunder mehr und das Messer nur eine Ware. Das Wunder ist nur noch das Internet, in dem die ganze Welt aufgelistet ist. Die Vermutung, die Ahnung, der Traum, dass mein Messer japanisch sein könnte, wird durch das kaltschnäuzige Wissen des Internets zerstört. «Ich glaube, es könnte japanisch sein», wird erschlagen durch das «So ist es» des Computers. So wie das Handy auch Gespräche brutal abbricht. Wie hat der geheissen? War das Sumatra oder Java? Wann war das, als Picasso? Ein Griff zum Handy - alles klar. Das Gespräch ist aus, das Quiz ist gewonnen.

Nein, ich bin kein Computermuffel, ich habe für Elektronik doch wesentlich mehr Geld ausgegeben als für Taschenmesser, und ohne Smartphone fühle ich mich nackt, also nicht angezogen. Die Zeiten ändern sich, und ich lebe in dieser Zeit, ich lebe gern in dieser Zeit, ich habe keine andere. Nur, und das hat nun für einmal nichts mit Nostalgie zu tun, ich bin froh darüber, in einer anderen Zeit aufgewachsen zu sein.

Ich erinnere mich daran, dass es unter den kindlichen Traumberufen, Lokomotivführer, Pilot usw., auch noch einen gab, längst vergessen: Afrikaforscher. Das ist zwar dann wohl niemand geworden, aber ein kleines Stück davon blieb, ich bin Entdecker geworden. Ich entdeckte in der Buchhandlung ein Buch, das mich faszinierte, ich sparte Geld zusammen, um es zu kaufen, «Anthologie der Abseitigen» von Carola Giedion-Welcker - moderne Lyrik, die in nichts den Gedichten glich, die ich kannte, Expressionismus, Dadaismus, alles neu. Und dazu fand ich nirgends Informationen, keine Leute, die das auch kannten, und ich pirschte mich durch, liebte Hugo Ball und Emmy Hennings, las sie und pirschte mich vor zu Neuland, zu einer Welt, die nicht die Welt meiner Lehrer, meiner Eltern war, sondern meine ganz neue, selbst entdeckte Welt. Hätte es damals ein Internet gegeben, ich hätte sicher nach Ball und Hennings, nach Hans Arp und Sophie Täuber, nach Dada und Expressionismus gesucht und auch gefunden, und die Sache wäre damit aufgeklärt und erledigt gewesen. (Übrigens, die Namen habe ich alle doch im Internet überprüft, ich bin schwach in Rechtschreibung.)

Ich entdeckte Welten, die moderne Malerei, den Jazz, Strawinsky und Bartok, James Joyce, Arno Schmidt und fand keine Möglichkeit, ihre Daten irgendwo abzurufen. Die Informationen hätte es wohl gegeben, aber ich wusste nicht, wo. So wurde die Welt, die ich entdeckte, wie ein kleines Kind, zu meiner ganz eigenen und verkam nicht zum Wissensquiz.

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