Notabene Peter Bichsel Ich habe Stefan getroffen

Peter Bichsel, 79, Schriftsteller und Publizist, übers «eigenartige Älterwerden», die Begegnung mit einem Bekannten und seine letzte Kolumne.

Stefan getroffen und mich sehr darüber gefreut, er erzählt mir von Hugo und dass es ihm nicht gut gehe. Damals, lange ist es her, haben wir zwei Jahre miteinander verbracht. Er war damals dreizehn, ich war zwanzig, er ein Schüler, ich sein Lehrer, er ein Bub, ich fast so etwas wie ein Erwachsener. Inzwischen sind wir beide alt, er über siebzig, ich gegen achtzig, wir gehören derselben Altersgruppe an. Wir reden über Krankheiten.

Nein, er hat sich nicht verändert, er ist noch derselbe, ich habe ihn gleich erkannt. Wir hatten es gut damals in der kleinen Schule im kleinen Dorf. Dass man mich dorthin schickte, war eigentlich als Strafe für rebellisches Verhalten im Lehrerseminar gedacht. Das Dorf galt als schulfeindlich. Mein Vorgänger war ein Prügler, und er wurde ab und zu von seinen Schülern selbst verprügelt. Er empfahl mir auch, jeden Tag mindestens einen zu verhauen, sonst würde ich selbst verhauen - kräftige Bauernbuben, ich fürchtete mich am ersten Tag schon ein bisschen, aber es geschah nichts, wir hauten nicht, sie nicht und ich nicht, wir brauchten uns nicht einmal darüber zu verständigen, die Strafe wurde zur Freude. Ich freue mich, wenn ich Stefan treffe, wir haben miteinander zu tun. Die Erinnerung an unsere Jugend ist eine ähnliche - jetzt sind wir beide alt. Und irgendwie, auch wenn wir uns inzwischen sehr selten gesehen haben, haben wir ein ganzes Leben miteinander verbracht.

Eigenartig, dieses Älterwerden, dieses gemeinsame Älterwerden - älter werden und gleich bleiben


Ich habe vergessen, ihn zu fragen, was er denn beruflich gemacht habe, weiss auch nicht, ob er Familie hat, Kinder, was er politisch denkt, was er mag und nicht mag. Wir haben miteinander zu tun, weil wir gemeinsam an einem Anfang des Lebens standen, er als Schüler, ich als blutjunger Lehrer - und inzwischen sind wir fast gleich alt, und wir sind immer noch die Gleichen. Er hat sich nicht verändert. Er trägt zwar jetzt einen Bart, den hatte er damals wohl noch nicht oder vielleicht doch, oder täuscht mich meine Erinnerung, vielleicht trägt er gar keinen Bart.

Ich suche ein Schulfoto aus jener Zeit, und ich erkenne ihn darauf, aber irgendwie gleicht er sich heute doch mehr als damals. Eigenartig, dieses Älterwerden, dieses gemeinsame Älterwerden - älter werden und gleich bleiben.

Damals, als wir zusammen in der Schule waren, wurde niemand älter. Die Schüler nicht und ich nicht, der Schulpräsident nicht und der Gemeindepräsident auch nicht, die Wirtin nicht und die Serviertochter auch nicht. Wie im Film, wo der alte Mann eben ein alter Mann ist und bleibt und die junge Frau eine junge Frau.

Herumwühlen in der eigenen Biografie: Jahrzahlen, Gesichter, Geschichten, die gleich bleiben, unbewegt wie Fotografien. Das vierjährige Mädchen, das plötzlich von «früher» spricht, erschreckt mich. «Früher», sagt es, «hing dieses Bild nicht hier, sondern an der anderen Wand.»

Herumwühlen in der eigenen Biografie, ich habe das fast ein ganzes Leben lang getan. Ich habe nach Gesichtern und Geschichten gesucht für meine Kolumnen, immer wieder verzweifelt danach gesucht, und war von Anfang an jedes Mal überzeugt davon, dass mir das nächste Mal nichts mehr einfallen wird. Es sind Hunderte von Kolumnen geworden, zu meiner Überraschung. Und hätte ich sie mir alle von der Seele geschrieben, ich wäre ein freier Mensch, aber ich habe sie mir, und das fällt mir erst jetzt auf, auf den eigenen Buckel geschrieben, und der Buckel ist voll, ich spür es im Rücken. Dies ist meine letzte Kolumne.

Und noch einmal Stefan. Ich habe mich wirklich sehr gefreut, ihn zufällig zu treffen. Wir haben uns auch erinnert - keine Geschichten, nur Stichworte und ein Lächeln. Das ist nicht zu beschreiben oder eben nur mit dem einfachen Satz: Ich habe Stefan getroffen.

Ich bedanke mich bei allen Lesern dafür, dass sie mich gelesen haben. Das war sehr freundlich von ihnen, und das war mir nie selbstverständlich. Ich weiss, dass ich sie vermissen werde.

Dies ist meine letzte Kolumne, aber weil ich Letztes nicht mag - ein letztes Glas Wein, eine letzte Zigarette -, schreibe ich in vier Wochen noch eine.

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