Peter Bichsel: «Meine beste Kolumne» Vom Stier, der auch nur ein Mensch war

Am Dienstag, 24. März, wird Peter Bichsel 80 Jahre alt. Der Solothurner Schriftsteller erinnert sich dazu an seine Lieblingskolumne aus der «Schweizer Illustrierten».
Peter Bichsel Kurzgeschichten beste Kolumne Geburtstag
© Lukas Lehmann / Keystone

Peter Bichsel mit Muni Umberto 2011 auf der Alp Morgeten im Simmental BE.

Die Bachofners waren stille, freundliche Leute, Bauern, und ich verbrachte meine freien Nachmittage und meine Ferien bei ihnen. Ich war sehr stolz darauf, dass ich hier richtig arbeitete und brauchbar war. Meine Arbeit war wohl keine grosse Hilfe, aber die Bachofners bestärkten mich im Gefühl, dass ich so etwas wie unentbehrlich sei. Ich war damals wohl zehn oder elf, und selbstverständlich wollte ich jetzt Bauer werden. Es war eine gute Zeit, und sie tat mir gut, und sie hatten Käse und Speck, und die Brotscheiben waren sehr viel dicker als die zu Hause. Es war während des Kriegs oder kurz danach, die Lebensmittel waren rationiert, und das Glück hatte zu einem guten Teil mit Speck und der Dicke der Brotscheiben zu tun. Sonntags hatten die Bauern viel Besuch von Städtern, die nun mit ihnen - auf Zeit - befreundet waren. Ich verachtete sie innerlich, weil ich selbst ja kein Besucher war, sondern ein Bauer, der dazugehörte.

Aber es überrascht mich heute, dass ich trotz meiner Erinnerung an eine gute Zeit fast nichts mehr davon weiss. Ich versuche, mir die Gesichter von Herrn und Frau Bachofner in Erinnerung zu rufen, und es gelingt mir nicht. Ich muss das alles irgendwie verdrängt haben, und ich glaube, ich weiss, weshalb.

Eines Tages - und die Bachofners waren nicht zu Hause, denn sie hätten das bestimmt nicht zugelassen - sagte der alte Knecht zu mir: «Geh mit dem Stier, mit dem Muni, zum Bauer da unten», und er drückte mir den Strick in die Hand, gab mir einen Stecken mit einem Haken in die andere Hand und sagte: «Wenn er dumm tut, dann haust du ihm den Stecken über den Schädel und legst dich hin und bewegst dich nicht.» Ein riesiger Stier, ein Simmentaler, mit blutunterlaufenen Augen, mit Locken zwischen den Augen wie der Teufel, und ich weiss, dass es nicht wahr sein kann, aber er war einige Meter hoch, und ich war sehr klein, und ich zitterte. Ich schaute ihn nicht an, ich ging nur neben ihm her, der Strick blieb locker. Ich fürchtete, dass ich stolpern könnte auf dem Weg, und ich sprach die ganze Zeit nicht eigentlich zu ihm, sondern leise, wie man betet, vor mich hin: «Bitte, mach mir nichts, mach mir nichts, tu mir nichts an, bitte, bitte», auf dem ganzen Weg ohne Unterlass und auf dem ganzen Weg zurück: «Bitte, bitte.» Und wie ich zurückkam, waren die Bachofners auch wieder da, und sie waren so froh wie ich, dass ich wieder heil zurück war. Ich führte ihn in den Stall und band ihn fest.

Und wäre das das Ende der Geschichte, ich hätte sie längst vergessen. Aber der Stier wollte jetzt nur noch mit mir zu tun haben. Er wehrte sich gegen alle anderen, und sie hatten ihre Mühe mit ihm. Und alle zwei, drei Tage kam ein Telefonanruf: «Der Peter muss kommen, es ist etwas mit dem Stier.» - «Der Peter muss kommen, der Vieharzt ist da.» Und ich weinte, und ich fürchtete mich, und ich wünschte ihm alles Schlechte: «Wenn er nur kaputtgehen würde.» Er mochte mich, da konnte ich nichts dagegen machen, und ich fürchtete ihn.

Und wäre das das Ende der Geschichte, ich hätte sie längst vergessen, aber es gab einen letzten Anruf: «Der Peter muss kommen.» Und ich führte ihn zum Schlachthof, trottete weinend und schluchzend neben ihm her und verfluchte mich dafür, dass ich ihm das angewünscht hatte. Er tat mir leid, der Mächtige, der Übermächtige an seinem Ende. Er war jetzt auch nur noch ein Mensch. Ich gab ihn dort ab, drehte mich um und rannte raus und hielt mir die Ohren zu.

Ob er gewusst hat von seiner Macht? Wohl kaum. Vielleicht ist er aber ein ganzes Leben ausschliesslich Menschen begegnet, die Macht über ihn haben wollten, und vielleicht liebte er deshalb jenen Kleinen, der von vornherein ohnmächtig war - ohnmächtig wie er.

Sei es, wie es wolle, aber jede Macht ängstigt. Die Macht lebt von der Angst, die sie verbreitet. Es will mir heute noch nicht in den Kopf gehen, dass es Menschen gibt, denen es Lust bereitet, mächtig zu werden und mächtig zu sein, denen es Lust bereitet, gefürchtet zu sein. Denn wer Macht will, muss vorerst mal Angst verbreiten. Und warum sind sie so beliebt, die Mächtigen, bei denen, die sich vor ihnen fürchten?

Zugegeben, ein kleines bisschen war ich schon stolz, wenn ich neben meinem Stier ging - ein kleiner Bub neben einem mächtigen Freund. (Warum erinnere ich mich nicht mehr an seinen Namen? Er muss doch einen Namen gehabt haben.)

Und so laufen halt denn die Verängstigten demjenigen nach, der Angst verbreitet und Sicherheit verspricht (eine absurde Paarung), und glauben dabei, sie seien selbst mächtig, weil sie dem Mächtigen gefallen.

Peter Bichsel hat diese Kolumne für die «Schweizer Illustrierte» vom 14. April 2008 geschrieben. In der aktuellen «Schweizer Illustrierten» Nr. 13 vom 23. März 2013 lesen Sie zudem die grosse Geschichte über das Leben des Pensionärs - am Kiosk, im eReader oder auf Ihrem iPad.

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