Notabene Peter Bichsel Der Buck in meiner Gamelle

Schriftsteller und Publizist Peter Bichsel, 78, über Menschen, die sich anders verhalten, sobald sie Macht ausüben dürfen. Dabei erinnert sich Bichsel an ein einschneidendes Erlebnis aus seiner Militärzeit.

Meine Gamelle aus der Militärzeit besitze ich noch, sie hat eine grosse Beule, und nicht eigentlich die Gamelle habe ich aufbewahrt, sie ist zu nichts zu gebrauchen, sondern nur diese Beule. Eine Erinnerung an meine Ängste in der Rekrutenschule, Disziplinierung durch Angst, mächtig sein, indem man Angst verbreitet. Entweder war etwas verboten, oder es war obligatorisch, und der kleinste Fehler wurde zur Existenzbedrohung, und schon nur die Anwesenheit von Offizieren auch - von Mayor M. zum Beispiel, der zwar mit uns im Weiteren nichts zu tun hatte, aber doch in Uniform hin- und herstolzierte und korrekt gegrüsst werden wollte, Kopf hoch und Finger gerade gestreckt. Und er wurde laut, wenn das nicht detailgenau war.

Nein, keine Militärgeschichten, mir fehlen die Worte dafür, auch für lustige Anekdoten aus dem Dienst. Ich träume immer noch ab zu davon - Angstträume, und ich verlasse jeden Tisch, wenn diese Erzählungen beginnen. Ich fürchte, sie könnten wieder diese Träume provozieren. Nur die Geschichte von meiner Gamelle, die nur durch meine grosse Angst zu einer besonderen Geschichte wurde. Dieser Major M. wohnte mit seiner Familie in der Kaserne, unterhalb unseres Kantonnements. Ich wollte nun, was sicher auch höchstverboten war, ein paar Tropfen Wasser, die nach dem Auswaschen noch im meiner Gamelle verblieben, zum Fenster hinausschütten. Dabei fiel mir die Gamelle aus der Hand, hinunter in den Garten von Major M. Es blieb mir nichts anderes übrig, als hinunterzugehen und an seiner Wohnung zu läuten, und nicht nur meine Gamelle abzuholen, sondern auch tapfer meine Strafe.

Aber nicht ein Mann in Uniform öffnete die Tür, sondern ein äusserst freundlicher und gemütlicher Mann mit Hosenträgern und Pantoffeln bat mich reinzukommen, bot mir einen Stuhl an und sagte: «Ja, dann wollen wir mal schauen gehen.» Er ging in den Garten und kam nach einiger Zeit strahlend mit meiner Gamelle zurück, überreichte sie mir und sagte: «Sie hat nur einen kleinen Buck», fragte mich auch, woher ich käme und was ich von Beruf mache, dann noch eine Bemerkung zum Wetter, heiss war es, und wünschte mir einen guten Abend. Der war gar nicht so, der Herr M., wie wir ihn fürchteten als Mayor M.

Und Macht verteidigt man, indem man Angst verbreitet

Der war ein freundlicher, gemütlicher Mann, der hier in seiner Stube, die einem Albert-Anker-Bild glich, seinen Abend mit seiner Frau verbrachte. Und alle sind nicht so, auch die gefürchteten Direktoren nicht, und auch die herumbrüllenden Vorarbeiter nicht. Keine Bösewichter, aber in der Funktion - Chef, Vorgesetzter, Rektor, Direktor - haben sie ihre Macht zu verteidigen. Und Macht verteidigt man, indem man Angst verbreitet. Ich habe aufgeatmet, als der gemütliche Herr M. hinter mir die Tür zumachte. Die Sache mit meiner Gamelle war gut gelaufen. Aber die beiden Bilder blieben ein Leben lang in meinem Kopf. Mayor M. in Uniform und Herr M. in Hosenträgern und Pantoffeln. Und mehr und mehr begann mich das zweite Bild, das freundliche, mehr zu erschrecken. Menschen sind zu allem fähig. Man muss sie nur davon überzeugen, dass Macht ausüben notwendig ist. In Stelleninseraten heisst das geschickt verschlüsselt: «Gesucht belastbare Persönlichkeit.» Und vielleicht bin ich zu empfindlich und neige zu Übertreibungen, und vielleicht weiss ich gar nicht, was das eigentlich heisst, richtig Angst zu haben, richtig zu leiden.

Fast dreissig Jahre später mein letzter Militärdienst als Sanitäter mit einem sehr guten Kollegen zusammen. Ich würde ihn gern wieder einmal treffen und würde mich darüber freuen, und ich hoffe, dass er noch lebt und dass es ihm gut geht. Ich habe ihn seither nie mehr gesehen. Er hatte einen wunderschönen Familiennamen - ja, auch ich kann mir Namen nicht merken, aber diesen schon, den Namen des Sanitätssoldaten Sauterelle. Wir hüteten zusammen das Krankenzimmer und hatten nicht viel zu tun, und auch das wenige, was zu tun war, wollte er tun, und zwar allein, und selbstverständlich wollte ich ihm helfen, er aber sagte: «Setz dich doch und lies in deinem Buch und geniesse es.» Sauterelle war ein gescheiter Bursche, und er konnte gut erzählen. Er erzählte mir von seiner Arbeit in einer Schuhfabrik am Band. Und einmal sagte er: «Weisst du, für dich ist das was anderes, dieses Militär. Du arbeitest zu Hause anders als ich. Für mich sind das hier wunderbare Ferien.»

Und ich wurde sehr still.

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