Notabene Peter Bichsel Die Versöhnung mit Burgdorf

Schriftsteller und Publizist Peter Bichsel, 78, besucht lieber kleinere Schwingfeste und meidet Burgdorf. Sempach und Stucki haben ihn trotzdem beeindruckt und gerührt.

Du warst sicher in Burgdorf», sagen mir die Leute, die davon wissen, dass ich Schwingfeste mag - aber ich war nicht. Ich gehe lieber an jene Schwingfeste, wo man alte Bekannte trifft, Leute, die man seit Jahren an Schwingfesten trifft, die man zwar im Weiteren nicht besonders gut kennt, aber doch recht eigentlich mit ihnen tief befreundet ist und sich darüber freut, sie zu kennen, sie wieder einmal zu treffen. Ich bin sehr stolz darauf, hier ein bisschen zur Familie zu gehören, zur Familie der Schwingerfreunde.

Im Übrigen hat mir noch nie jemand gesagt: «Du warst sicher auf dem Brünig, du warst sicher auf der Schwägalp.» Für sie gibt es nur ein Schwingfest, das Eidgenössische, und das ist mir recht so, denn so habe ich meine Ruhe an den kleineren Festen mit meiner Familie. «Doch», sage ich, «ich war in Burgdorf vor vielen Jahren als Kind, wenn ich von Olten nach Langnau zu meiner Gotte, meiner Patentante, in die Ferien fuhr und in Burgdorf umzusteigen hatte.» Ich kannte also von Burgdorf genauso viel wie von Paris - nur den Bahnhof, aber es war mein Bahnhof, auf dem ich umzusteigen hatte. Und so hatte ich dann wirklich sehr viel mit Burgdorf zu tun.

Kraft und Sanftmut, das fällt mir ein, wenn ich einen Schwinger zu beschreiben hätte

In Langnau war ich dann in einem fremden und wundersamen Ausland. Ich war später als Erwachsener auf meinen vielen Reisen nie mehr so sehr im Ausland. Die Kinder in Langnau, mit denen ich spielte, hatten ganz andere Schimpfwörter als wir in Olten - grobschlächtigere, kräftigere, aber gleichzeitig durch die Aussprache viel sanftere. Kraft und Sanftmut, fast schüchterne Zurückhaltung und Angstfreiheit - das fällt mir heute ein, wenn ich Schwinger zu beschreiben hätte. Und selbstverständlich fällt mir dabei auch die Gegend von Burgdorf ein, aber eher das kleine Schwingfest auf der Lueg als das grosse in Burgdorf, das ich mir gemütlich und ausdauernd und in Gedanken an meine Freunde am Fernsehen anschaute.

In Burgdorf aber war ich dann wirklich einmal als junger Autor, eingeladen von einer hochnoblen Burgdorfer Gesellschaft als Attraktion anlässlich ihrer Generalversammlung. Ich weiss sogar, was ich damals trug: dunkler Anzug, blaues - swissairblaues - Hemd, weisse Krawatte, denn man hatte mich sanft, aber nachhaltig darauf aufmerksam gemacht, dass diese Gesellschaft nicht irgendeine sei, sondern eine bedeutende. Ich wartete also unten im Restaurant zwei Stunden lang auf das Ende der Generalversammlung und wurde dann in den Saal geholt und las meine Geschichten einem etwas gelangweilten Publikum vor, das eher wegen sich selbst als wegen mir gekommen war. Die einzige Reaktion, die mir später zu Ohren kam, war ihr Ärger darüber, dass ich nicht einmal ein weisses Hemd getragen hätte. Und das wiederum ärgerte mich masslos, aber ich schluckte den Ärger wie ein angstfreier Schwinger hinunter, sagte mir wie die Schwinger, dass Sieg und Niederlage eben nahe beieinanderliegen, und schlich mich mit der tiefsten Note 8,5 davon. Im Unterschied zu den angstfreien und sanft zurückhaltenden Schwingern beschloss ich allerdings, Burgdorf, mit Ausnahme des Bahnhofs, nie mehr zu betreten. Das ist mir dann eher durch Zufall schlecht und recht gelungen.

Verlierer haben vorerst wegzustecken, dass ihre Niederlage so etwas wie Ungerechtigkeit war, die Ungerechtigkeit des Schicksals. Die Gesichter der Verlierer faszinieren mich mehr als die Gesichter der Gewinner. Sie sind, so scheint mir, dem menschlichen Alltag näher.

Wobei es beim Schwingen zwar darum geht, den anderen auf den Rücken zu legen, aber nicht darum, ihn mit dem Sieg zu erniedrigen.

Christian Stucki und Matthias Sempach haben mich nach dem Schlussgang tief beeindruckt und zu Tränen gerührt. Der Sieger war durch seinen Sieg überwältigt, und der Unterlegene war der Tapfere. Nein, ich fürchte nicht, dass der Gigantismus des Festes in Burgdorf der Tradition des Schwingens Schaden zufügen könnte. Wie gigantisch das Fest auch immer war, die Schwinger sind wirklich stärker, und der Hüne Stucki hat mit seiner liebevollen Gratulation bewiesen, dass echte Stärke mehr ist als Muskelkraft. Stucki und Sempach haben mich mit Burgdorf endlich versöhnt.

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