Notabene Peter Bichsel Von einer siegreichen Schweiz

Schriftsteller und Publizist Peter Bichsel, 79, über Sportarten wie Tennis und Fussball, die nichts mit Politik zu tun haben - nur mit Nationalismus.

Ja, ich gebe zu, Tennis ist mir nicht so wichtig, wenn kein Schweizer mitspielt, dabei bilde ich mir ein, dass mir Tennis gefällt, dass ich einigermassen eine Ahnung davon habe, aber eben, leider geht es letztlich doch nur darum, dass wir Schweizer gewinnen, und ich gehöre zu diesem Wir, also gewinne ich. Wie oft schon habe ich das gehört: «Dem Wawrinka mag ich das gönnen, der hat diesen Sieg verdient.» Und was gäbe es für einen Anlass dafür, ihm das nicht zu gönnen? Nein, sich selbst gönnt er das, sich selbst, dem Schweizer, auch wenn er vielleicht, wie auch ich, kaum mit ihm sprechen könnte, er spricht Französisch. Und er heisst Wawrinka - in anderen Zusammenhängen würde das wohl meinen Mittrinker stören, in anderen Zusammenhängen hat er sozusagen gegen ihn gestimmt.

Ja, Federer ist mir in seinem Auftreten ausgesprochen sympathisch. Aber was würde das ändern, wenn er nicht so sympathisch wäre und genau gleich gut für die Schweiz spielen würde? Wir Schweizer würden siegen, ich würde siegen, und das würde genügen.

Wie oft schon habe ich mir vorgenommen, die Fussballweltmeisterschaften zu überspringen. Es ist mir nie gelungen, und es wird mir auch diesmal nicht gelingen. Selbstverständlich werde ich mitzittern für die Schweiz - wenn ich mich auch seit der Abstimmung über die Massenzuwanderung vor einer siegreichen Schweiz fürchte. Und ich fürchte auch, dass das nicht nur eine Abstimmung war, sondern eine Wahl, man hat jene gewählt, die an eine siegreiche Schweiz glauben, die Europa und die Welt in die Knie zwingen wird. Wir haben uns selbst gewählt, und ich fürchte zu Recht - so sind wir.

Sport hat nichts mit Politik zu tun, heisst das Dogma der Funktionäre. Aber mit Nationen offensichtlich schon. Was wären Olympische Spiele ohne Nationen. Wie viele Medaillen machen wir - nein, nicht wir Sportler, sondern wir Schweizer, unsere Nation, unser Vaterland.

Ich misstraue meiner Begeisterung für Sport zutiefst. Langlauf gefällt mir sehr am Fernsehen, aber die Namen der Favoriten kann ich mir nicht merken, nur den Namen des siegreichen Schweizers, nein, Cancellara heisst er nicht, wir haben schon wieder Sommer - wie schnell das geht.

Sport hat nichts mit Politik zu tun, nur mit Nationalismus. Sport ist die Politik der Apolitischen

Nein, Sport hat nichts mit Politik zu tun, nur mit Nationalismus. Sport ist dann vielleicht nichts anderes als die Politik der Apolitischen, nämlich jener, die keine Politik möchten, keinen Staat, sondern nur ein Vaterland wie auf dem Rütli 1291, ein siegreiches Vaterland. Ich meine nicht die Sportler, ich meine das Publikum, ich meine uns und mich. Und ich fürchte mich davor, dass Politik auf das Siegen reduziert wird. Vielleicht mag ich deshalb wohl auch das Schwingen. Das ist zwar ein Nationalsport, aber immerhin kein Kampf zwischen Nationen.

Und während ich das schreibe, fällt mir dauernd mein Aufenthalt in Bali vor Jahrzehnten ein. Ein junger Mann, der im Hotel arbeitete, zeigte mir sein Zuhause. Wir fuhren mit dem Motorrad, ich hintendrauf. «Alles hier im Dorf gehört uns allen gemeinsam, die Äcker, das Reisfeld, die Häuser.» - «Und dein Motorrad?», fragte ich. «Auch das Motorrad gehört allen», sagte er. «Also kann es jeder nehmen und damit fahren.»

«Ja, aber sie wissen, dass ich es brauche, um zur Arbeit zu fahren, und das Geld, das ich verdiene, bringe ich ins Dorf, es gehört allen.» Er spricht weder von Kommune noch von Sozialismus, nur von Bali, und all meine Fragen überraschen ihn. Er spricht nicht von einem Modell, von einer politischen Errungenschaft, nicht von Teilen, nicht von Verzichten, aber auch nicht von Erfolg - eine Welt ohne Sieg und Niederlage, für ihn eine Selbstverständlichkeit. So selbstverständlich wie bei uns der Fussball.

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