Notabene Peter Bichsel Allein im dunklen, tiefen Tal

Peter Bichsel, 79, Schriftsteller und Publizist, über eine fast unglaubliche Geschichte, die sich vor vielen Jahren zugetragen hat.

Es fällt mir selber schwer, meine Geschichte zu glauben, und ich kann es meinen Leserinnen nicht verübeln, wenn sie es nicht tun. So nützt es dann wohl auch nichts, wenn ich hier hoch und heilig versichere, dass sie sich genauso zugetragen hat, wie ich sie hier erzähle. Denn wenn sie nicht wahr wäre, dann wäre sie mir doch zu schlecht erfunden, und das möchte ich nicht auf mir sitzen lassen.

Also: Vor bald 50 Jahren war ich auf Lesereise in Deutschland, las also zwei Wochen lang jeden Abend an einem anderen Ort meine Geschichten vor und kam gegen Ende meiner Reise entsprechend müde nach Wuppertal, einer dunklen Stadt in einem tiefen Tal, eine Strasse, eine Eisenbahn, eine wundersame Schwebebahn, alles eingezwängt in Häuserzeilen.

Am Bahnhof wurde ich abgeholt vom jungen Buchhändler, der die Lesung veranstaltete, ein adrett gekleideter Geck, der es gleich darauf anlegte, sich mit mir zu befreunden, sich anpries mit all seinen Leistungen und Erfolgen und plötzlich stehen blieb und sagte: «Schauen Sie mich mal gut an, können Sie sich mich als Bundeskanzler vorstellen, ich bin Mitglied der SPD.» Mir fiel dazu nichts ein, aber das bekam er nicht mit, denn er erzählte nun von seinen Erfolgen in der lokalen Politik von Karriere und Karriereplanung. Er führte mich in seine Buchhandlung, ein grosser öder Saal mit hohen, fast leeren Regalen, dazwischen ein Tisch, an dem die Frau des Buchhändlers sass, eine leidende, kränkelnde Frau, verängstigt und eingeschüchtert, sie wagte mich kaum anzuschauen, eine Frau, die wusste, dass alles, was sie tat, falsch war, und ihr Mann war ihr gefürchteter Chef, und er gab ihr auch ein paar kaltschnäuzige Anweisungen, als wäre er der Boss eines Grosskonzerns. Ich sah diese Frau nur dieses eine Mal. Sie kam weder zur Lesung noch zum Essen hinterher.

Wenn die Geschichte nicht wahr wäre, dann wäre sie mir zu schlecht erfunden, und das möchte ich nicht auf mir sitzen lassen

Der Buchhändler brachte mich ins Hotel, sagte, dass ich jetzt meine Sachen aufs Zimmer bringen könnte und dass wir hinterher noch einen Rundgang machen könnten, er wolle mich noch mit ein paar wichtigen Leuten zusammenbringen. Nein, ich sei müde, sagte ich, ich wolle ein bisschen schlafen, er solle mich um sieben für die Lesung abholen. Ich ging aufs Zimmer, legte mich eine halbe Stunde hin, fand dann einen Hinterausgang und ging spazieren, ein langer Spaziergang, ein schöner, sonniger Herbsttag. Mir war, als wäre ich aus einem Albtraum erwacht, atmete immer wieder tief durch, schüttelte dauernd den Kopf und erholte mich nach und nach, ging dann zurück ins Hotel, wollte etwas trinken und ging ins Restaurant, und da sass der Kerl immer noch, sprang auf und sagte: «Also, gehen wir.» «Nein», sagte ich, «sie holen mich um sieben Uhr hier ab», und ich ging aufs Zimmer. Ich fühlte mich furchtbar einsam. Und erst als ich dann vor der Lesung die Leute sah - normale Menschen -, fühlte ich mich wieder besser, war aber dann entsetzt über den tosenden Applaus nach der sehr langen Einführung des Buchhändlers oder wohl besser des grossartigen Mannes der armen Buchhändlerin. Er sprach über die Bedeutung der Kultur, nämlich über seine eigene Bedeutung. Hinterher dann das Essen mit den Koryphäen der Kultur, und ich versuchte dabei endlich unter Menschen zu sein, sagte dann auch zu meinem Tischnachbar: «Ein eigenartiger Mensch, euer Buchhändler.» - «Ja, ein grossartiger Mensch, gebildet, gescheit, wir haben ihm kulturell sehr viel zu verdanken», bekam ich zur Antwort. Ich versuchte es bei der netten Frau zu meiner linken mit demselben Ergebnis.

Ich fühlte mich einsam wie noch nie. Ein lächelndes Nicken, ein hilfloses Schulterzucken von nur einer Person hätte mir genügt, und ich begann an meinem Verstand zu zweifeln.

Anderntags brachte mich der Buchhändler zum Zug, öffnete auf dem Bahnsteig ein eisernes Kästchen, entnahm ein Telefon, sagte, dass der grosse Schriftsteller Bichsel Wuppertal verlasse und dass er verlange, dass er von der Deutschen Bahn am Lautsprecher verabschiedet werde, drohte mit seinen Beziehungen zu allerhöchsten Stellen und dass er die Folgen zu tragen hätte.

Der Zug fuhr ein. Ich bin noch nie so schnell eingestiegen, drückte mich in eine Ecke, hörte noch den Lautsprecher: «Die Deutsche Bahn verabschiedet …», und fuhr mit eben dieser Bahn aus dem tiefen Tal in die Freiheit.

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