Notabene Peter Bichsel Mit meinem Handy, das funktioniert

Peter Bichsel, 79, Schriftsteller und Publizist über die Generation Smartphone - und wie die Dinge durch Selbstverständlichkeit an Wert verlieren.

Jetzt hab ich also doch auch so ein Smartphone, es war zu erwarten, und wenn ich mich auch lange dagegen gewehrt habe, es hat mich erreicht. Inzwischen habe ich viel Zeit verloren an das Smartphone, ärgerlich viel Zeit verloren. An und für sich ist es schnell: Wetterprognosen, Wetterkarten, News und Mails. Wenn ich aber all die Zeit, die ich mit ihm vertrödelt habe, dazurechne, dann ist es ein verdammt langsames Gerät. Selbst wenn ich täglich morgens gemütlich zum Kiosk gehen würde, um eine Zeitung zu kaufen, um News und Wetterprognose zu erfahren - in der Gesamtrechnung hätte ich dafür weniger Zeit investiert, nämlich vertrödelt. In der Gesamtrechnung wäre ich also mit Spaziergang, Kiosk und Zeitung schneller.

Immerhin, mein Phone funktioniert, ich habe es im Griff, und ich bringe es zum Funktionieren. Wie oft habe ich wohl schon durch die Ortung feststellen lassen, wo ich wohne, wo ich sitze, wo ich stehe, und dann auch, wie das Wetter ist, da, wo ich jetzt stehe. Ja, es funktioniert, und ich staune. Nur, so scheint mir, staunen war früher mal etwas anderes. Nun finde ich im Shop des Phones die späten Streichquartette Beethovens - Musik, mit der ich schon seit Jahrzehnten lebe. Ja, die möchte ich bei mir haben, wo ich auch gehe, mit mir tragen. Also elektronisch kaufen, elektronisch runterladen und elektronisch hören, und auch das funktioniert. Und irgendwie macht es auch nichts anderes als nur funktionieren. Gespielt zwar von einem der besten Streichquartette, aber Beethoven, der nur noch funktioniert, ist nicht mehr jener Beethoven, der mich einmal völlig überraschte und erstaunen liess. In einer Kneipe vor vielen Jahrzehnten irgendwo in Berlin sass ich als letzter Gast gegen Morgen mit dem Wirt, und wir hörten die neusten modernen Jazzplatten. Der Wirt ging wieder zum Plattenspieler, legte eine neue Platte auf und verschwand in der Küche, um aufzuräumen. Ich sass allein da, immer noch in der Stimmung, in die mich John Coltrane versetzt hatte, und hörte in dieser Stimmung eine Musik, die ich noch nie gehört hatte und die mich tief traf. Ich hörte sie so, wie ich vorher Coltrane gehört hatte, ich sass in einer Welt von Tönen, in einer Welt des Staunens.

Mein Beethoven auf dem Handy kommt mir vor wie ein Abklatsch"

Erst beim Hinausgehen fragte ich den Wirt, was das für eine Musik gewesen sei. «Beethoven, Streichquartett 135», sagte er. Ich hatte etwas entdeckt, ganz allein für mich entdeckt, wie wenn ich der Erste gewesen wäre, der Beethoven gehört hat, der Erste und zum ersten Mal. So ist es für mich geblieben für immer. Es war immer das Original und deshalb immer so etwas wie einmalig und erstmalig. Mein Beethoven auf dem Handy aber kommt mir vor wie ein Abklatsch - auch wenn es eine hervorragende Aufnahme von hervorragenden Musikern ist und so schön unwirklich klingt mit Kopfhörern in Stereo. Das Smartphone ist stärker als Beethoven, das Smartphone funktioniert, und neben der Funktion Karte und Ortung, neben der Funktion Wettervorhersage hat es jetzt auch noch die Funktion Beethoven - länger als ein paar Minuten werde ich wohl kaum je reinhören -, zum Staunen über die Funktion genügt das.

Als Hemingway mal gefragt wurde, was er sich wünschen würde, wenn er sich etwas wünschen könnte, das gegen die Naturgesetze verstösst, antwortete er: «Noch einmal zum ersten Mal ‹Krieg und Frieden› von Tolstoi lesen können.» Das Originalerlebnis, das wirkliche zum einmaligen ersten Mal - der erste Kuss. Inzwischen ist alles abrufbar auf meinem Smartphone: Tolstoi, Leben und Werk, «Krieg und Frieden», Inhaltsangabe - eine riesige Sammlung von Antworten auf Quizfragen.

Mauro, der Italiener, war ein begeisterter Radsportfan. Er wusste alles, Namen und Lebensdaten, die Sieger und die Verlierer, die Glanzstunden und die Tragödien, und er verbreitete sein Wissen hartnäckig. Einmal aber spätabends im «Rössli» behauptete er, dass Koblet noch lebe und Kübler gestorben sei. Wir versuchten ihn mit allen Mitteln vom Gegenteil zu überzeugen, er blieb hartnäckig, und die, die es nun wirklich für einmal besser wussten, liessen nicht nach - stundenlang, ein schöner, ein lustiger Abend.

Heute aber würde einer sein Handy zücken, und das Thema wäre erledigt. So ist es, das Thema Beethoven wäre erledigt.

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