Notabene Peter Bichsel Der Mann mit den goldenen Ohren

Peter Bichsel, 78, Schriftsteller und Publizist, über das positive Gefühl, sich an die Vergangenheit zu erinnern. Selbst wenn sich herausstellt, dass gewisse Dinge eher unangenehm waren.

Kurz vor Weihnachten kam er - wurde er mir gebracht oder habe ich ihn mitgebracht. Nun sitzt er da, mir gegenüber, wie wenn er schon immer da gewesen wäre, wie eine Erinnerung, die auch so tut, als wäre sie schon immer gewesen. Ja, so war es, er erinnerte mich an jemanden, an irgendjemanden, und ich erinnerte mich nicht, an wen er mich erinnerte. Ich schaute ihn lange an, zu lange wohl, und kriegte ihn nicht mehr los. Jetzt sitzt er da, spricht kein Wort, sitzt da in meiner Stube, mir gegenüber, bleibt sitzen, wenn ich das Haus verlasse, und ist immer noch da, wenn ich zurückkomme. Wir sprechen nicht miteinander, er spricht nicht, und ich spreche nicht.

Mein erster Blick, wenn ich nach Hause komme, gilt ihm, und bereits würde ich ihn vermissen, wenn er nicht da wäre. Wir haben uns angefreundet, ich glaube, er mag mich. Und wir schweigen nicht nur miteinander, sondern wir schweigen uns an. Seit er da ist, stört mich meine morgendliche Sprachlosigkeit nicht mehr - übrigens, er hat goldene, blattvergoldete Ohren, und auch diese Ohren sind so selbstverständlich wie alles an ihm, und dass er nackt ist, stört mich überhaupt nicht. Ja, ich mag ihn.

Kurz vor Weihnachten auf einem Markt sah ich ihn als kleine Figur in der Auslage einer Töpferin. Er sass inmitten von Engeln auf einem Holzsockel, etwas nach vorn gebückt, und in den Händen auf seinen Knien hielt er wie alle eine Kerze, aber keine der anderen Figuren hielt sie so krampfhaft in den Händen wie er. Das war offensichtlich das Einzige, was er zu tun hatte, und dass er das so akribisch genau und zuverlässig machte, das machte ihn offensichtlich glücklich, er strahlte Zufriedenheit aus. Die anderen Engel hatten alle Flügelchen, vergoldete Flügelchen. Er hatte keine, er hatte nur zwei vergoldete Öhrchen.

Irgendwie erinnerte er mich - vorläufig weder an jemanden noch an etwas. Aber weil er mich erinnerte, hatte er mit mir zu tun. Und so kam er halt mit mir, und ich stellte ihn zufällig auf den Tisch, und da blieb er, und wir freundeten uns an. Das ist, ich weiss es, nicht erzählenswert. Und dass uns irgendetwas gefällt, weil es uns an irgendetwas erinnert, auch das ist nichts Besonderes, und auch dass man sich mit Gegenständen anfreunden kann.

Wir schweigen nicht nur miteinander, sondern wir schweigen uns an

Aber Tage später wusste ich, an wen er mich erinnert - zu spät, weil wir bereits Freunde waren. Jener andere und wirklich Lebende war ein alter Mann, der vor vielen Jahren fast täglich abends mit demselben Bus wie ich fuhr. Klein und dick und eingebildet, rotes Gesicht, das an Jähzorn erinnerte, Veteran und Ehrenmitglied eines Schützenvereins vielleicht - jedenfalls alles um sich herum verachtend. Sicher kein angenehmer Nachbar, kein angenehmer Verwandter. Oder einfacher, denn vielleicht war ich ungerecht, ich mochte ihn durch und durch nicht, ich konnte ihn nicht ausstehen.

Aufgefallen war er mir, weil er jedes Mal bei der zweitletzten Haltestelle seinen Finger in Richtung Halteknopf hielt und gleich nach der Abfahrt drückte, sodass ihm ja niemand zuvorkäme. Und wenn das trotzdem einmal geschah, dann schaute er sich wütend im ganzen Bus um und suchte den Übeltäter, der ihm seine Macht streitig machen wollte. Denn er, nur er, war der Mächtige, der den Bus zum Halten brachte. Er fällt mir noch heute ab und zu ein, wenn ich Bus fahre. Ich frage mich manchmal, ob er wohl noch lebe, aber dann fällt mir mein Alter ein und sein damaliges Alter, und so alt ist wohl keiner geworden. Immerhin, eine kleine Wut auf ihn kommt immer noch auf in mir, wenn ich mich an ihn erinnere. Ich kannte weder seinen Namen noch seine ehemalige Tätigkeit, nichts.

Und an ausgerechnet dieses Ekel erinnerte mich offensichtlich dieses Männchen mit den goldenen Ohren, das so akribisch sein Kerzchen in den Händen hält. Ich kann das jetzt nicht mehr rückgängig machen. Wir sind bereits Freunde geworden, das Männchen aus schneeweissem Ton und ich. Könnte es sein, dass schon Erinnerung an und für sich etwas Erfreuliches sein kann? Oder bin ich einfach milder geworden? Wie auch immer, ich nehme die Versöhnung an. Er darf und er soll hier bleiben und mit mir schweigen beim Morgenkaffee.

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