Notabene Peter Bichsel Zum 14. Jahr in neuer Zählweise

Schriftsteller und Publizist Peter Bichsel, 78, über Zahlen und deren Bedeutung - je nach Aussprache.

2014 - schon vierzehn Jahre mehr als das ominöse Jahr 2000, das schon in unserer Kindheit in unseren Köpfen rumgeisterte, fast unerreichbar weit weg und letztlich unerreichbar. Sepp von Felten kam mal 1946 mit einem Heft einer Jugendzeitschrift in die Schule, und auf der Titelseite - ich sehe sie noch genau, ein dunkles Grün - stand «Im Jahre 2000» und dazu eine Zeichnung von einer grossen Rakete mit Fenstern wie bei einem Flugzeug und dahinter Köpfe von Passagieren.

Ich erinnere mich an unsere heftigen Diskussionen darüber. Ob so etwas überhaupt möglich wäre, und wenn, dann sicher nicht schon so früh, sicher nicht schon im Jahre 2000, und das unerreichbare Jahr rückte mit diesem «nicht schon» in unsere Nähe. Es hat seine Gründe, dass sich mir das Titelblatt der Zeitschrift für immer eingeprägt hat.

Dann die Schulaufgabe, Olten im Jahre 2000 zu zeichnen, und wir zeichneten U-Bahnen und Hochbahnen, Wolkenkratzer und den Himmel voller Flugzeuge. Erst heute, wenn ich mich daran erinnere, erscheinen sie mir als Horrorszenarien. Damals aber waren wir zum Voraus total begeistert von einer Moderne, die sich durch nichts anderes von unserer damaligen Welt unterschied als durch die «wunderbaren» Fortschritte der Technik. Wir hatten nicht den geringsten Anlass, uns Fortschritte der Kommunikationstechnik auszudenken, nicht einmal die Möglichkeit von einem Fernsehen - das übrigens damals schon erfunden war, uns aber nicht einmal als Hoffnung erreicht hat.

Kartoffelstock schmeckt mir einfach nicht, wenn er Kartoffelbrei heisst

Und die meisten von uns lebten im Jahr 2000 noch, auch das war damals nicht zu erwarten, und leben jetzt, vierzehn Jahre später, immer noch. Und die damalige Zeit ist uns so unvorstellbar geworden wie uns damals die Zukunft war, und so wie uns damals die Zukunft als wunderbar erschien, erscheint uns jetzt die unvorstellbare Vergangenheit als eine gute Zeit.

Und letztlich bleiben Zahlen, nichts als Zahlen. Eine Frau erzählt mir eine Geschichte. Die Geschichte interessiert mich, sie beginnt mit: «Das war im Jahre 1956, ich war damals in der dritten Klasse», und schon höre ich nicht mehr zu, denn ich bin am Rechnen: 1956 war sie also neun Jahre alt, sechsundfünfzig weniger neun ergibt ihren Jahrgang, bis zu 2000 sind es also 53 Jahre plus 13 Jahre, und dann zur Sicherheit noch mal nachrechnen. Sie ist inzwischen mit ihrer Geschichte zu Ende, schaut mich an, und ich sage: «Ja, schön.» Ich hätte auch sagen können: «Sechsundsechzig sind Sie also.»

Zahlen, Zahlen: 1315 (Morgarten), 1685 (Johann Sebastian Bach), 1749 (Goethe), 1907 mein Vater, 1909 meine Mutter. Und letztlich bleiben von einem Leben zwei nackte Zahlen, eingemeisselt in Stein. Zwei Zahlen, die ein Leben umklammern, in dem wir dauernd am Zählen waren, wir zählten die Minuten, die Stunden, die Tage, die Jahre, und endlich haben wir wieder einen neuen Rekord der Menschheit geschafft, zweitausendundvierzehn Jahre, was zudem für alle auch eine persönliche Bestleistung ist.

2014 - wie spricht man das eigentlich aus? Kommt da ein «und» dazwischen oder nicht? Der Postbeamte, der mir das Datum diktierte, sagte: «Zweinulldreizehn», und mir fiel mit Schrecken auf, dass mir und uns zwei lieb gewordene Silben in diesem Jahrtausend abhandengekommen sind, die Hundert ist weg, 13hundert15, 19hundert9, 1749.

Jahrhundertelang wurden die Jahre in Hunderten gezählt, das funktionierte von eins bis neunzehn - aber zwanzighundertvierzehn, das geht eigenartigerweise nicht mehr.

Ja, wirklich kein Problem, aber irgendwie ist mir nicht recht wohl dabei. Ja, ja, das ist nur Sprache, und an der Qualität eines Jahres, an seinem Wetter zum Beispiel, ändert das nichts. Aber auch wenn wir in Zahlen leben, leben wir in Sprache. Und Kartoffelbrei, Kartoffelpüree und Kartoffelstock sind zwar dasselbe, aber der Kartoffelstock schmeckt mir einfach nicht, wenn er Kartoffelbrei heisst. Und Randen und Rote Bete sind auch dasselbe - aber halt dann doch nicht so ganz. Ja, die Zeiten ändern sich und mit ihnen auch die Sprache. 1914 und 2014 unterscheiden sich wie Kartoffelstock und Kartoffelbrei.

Verzeihen Sie dem alten Mann seine Klagen. Er wünscht Ihnen ein gutes 2014 mit Chüngu (nicht Kaninchen), Härdöpfustock und Randensalat.

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