Notabene Peter Bichsel Mein maurischer Brieföffner

Peter Bichsel, 78, Schriftsteller und Publizist, über die Treue eines Gegenstands und dessen Verschwinden.

Einer der beiden Brieföffner ist wieder weg. Immer derselbe von den zweien, sie gleichen sich, seit durch Alter ihr Dekor weg ist, wie Zwillinge. Ich aber kann sie durch langes Zusammenleben unterscheiden. Erst mal durch letzte minime Spuren ihres einstigen Dekors, der eine Art déco, der andere maurisch, dann aber auch durch ihr Gewicht. Der eine liegt etwas schwerer in der Hand, ohne merklich schwerer zu sein. Diesen einen, den maurischen, mag ich, ich fühle mich ihm irgendwie verpflichtet. Der andere ist einfach da und war schon immer da, ein Gegenstand.

Der maurische aber haut von Zeit zu Zeit ab, verschwindet oft für Wochen und Monate. Es hat keinen Sinn, ihn zu suchen. Er ist jedes Mal weg für immer, seine Rückkehr ist immer wieder unwahrscheinlich. Sollte er aber auch diesmal wieder zurückkommen, wieder im Glas stehen mit seinem Kollegen, mit den Kugelschreibern, Bleistiften, Schraubenziehern und Scheren, würde ich mich freuen wie das erste Mal, als ich ihn nach Jahren wiederentdeckte: «Der ist ja immer noch da - wo kommt der her?»

Ich habe jahrelang kaum Sorge getragen zu ihm. Ich bin mehrere Male umgezogen, ohne dass ich ihn wissentlich mitgenommen hätte. Habe ihn dann am neuen Ort nach Wochen plötzlich wiederentdeckt, wie wenn er nicht mit mir gekommen wäre, sondern sich später entschieden hätte, mir nachzureisen. Jahrelang ist mir gar nicht aufgefallen, dass er ab und zu wieder länger weg war, vielmehr war ich überrascht, wenn er plötzlich wieder da war.

Und dann endlich nach Jahren wurde es mir wichtig, dass er da war, und er musste da sein aus dem einzigen Grunde, weil er schon immer da war, weil wir schon immer zusammen waren. Ich hatte sozusagen seine Treue, seine Liebe zu mir angenommen. Ich akzeptierte, dass wir zusammengehören. Seither bin ich schon etwas besorgt, wenn er abhaut.

Der maurische Brieföffner ist der einzige Gegenstand, der mich ein Leben lang begleitete. Wie viele andere Gegenstände waren mir in dieser Zeit wichtig, sehr wichtig, meine Uhren, meine Tabakpfeifen, meine Bilder, meine Schallplatten, meine Schreibmaschine. Sie wurden mir alle untreu oder ich ihnen. Der Brieföffner aber blieb mir fast ein ganzes Leben lang treu, ohne dass ich seine Treue beachtete. Habe ich deshalb ein schlechtes Gewissen, wenn er wieder weg ist? Und ist er diesmal vielleicht wirklich für immer weg? Davor würde ich mich fast fürchten.

Den Brieföffner schenkte mir ein Mädchen vor über sechzig Jahren, als ich noch ein Bub war - erste grosse Liebe. Ich weiss nicht mehr, wie sie zu Ende ging, vielleicht einfach ohne jeden Grund, einfach weg, wie der Brieföffner, aber ohne je zurückzukommen. Oder kommt der Brieföffner nur zurück, um mich daran zu erinnern? Nicht an erste Liebe, viel mehr wohl an erste Untreue.

Als Bub kannte ich einen Bergbauern im Wallis und war auch mal bei ihm in den Ferien. Ich bewunderte ihn, ein ruhiger, kräftiger Mann, dem alles selbstverständlich war. Auch einer, der viel wusste, der dauernd in der wenigen freien Zeit, die er hatte, am Lesen war, und der mir, wenn ich ihm bei seiner Arbeit ein bisschen helfen durfte, von seiner Lektüre erzählte, ein gebildeter Mann. Er konnte sich auch in mehreren Fremdsprachen verständigen, weil er lange Hüttenwart einer Alpenclubhütte war und dort viele ausländische Gäste hatte.

Er selbst aber reiste nie. «Aus aller Welt», sagte er, «kamen die Leute zu mir, also muss es bei mir schöner sein als bei ihnen, und das, was man über die Welt wissen will, kann man in Büchern lesen.» Er kannte die Welt wohl besser als viele weit gereiste Touristen, auch wenn er in seinem ganzen Leben nie mit der Eisenbahn gefahren ist, seine Gegend nie verlassen hat und sich in seiner Gegend nur zu Fuss bewegte - eine grosse Gegend mit Viertausendern, die er bestiegen hat, eine grosse Gegend, in der er gearbeitet und gelebt hat, wobei arbeiten und leben dasselbe waren. Er hatte keinen Anlass, sich selbst nicht treu zu bleiben. Er wäre jedenfalls nicht verwundert gewesen über all die Gegenstände und Werkzeuge, die ihn ein ganzes Leben lang begleiteten, und meine Geschichte mit dem Brieföffner wäre ihm sehr fremd vorgekommen.

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