Notabene Peter Scholl-Latour Erinnerungen an den Kalten Krieg

Peter Scholl-Latour, 90, Nahost-Experte und Buchautor, über Abu Bakr Al-Baghdadi und dessen Wirken im Streit zwischen den Sunniten und den Schiiten.

Wird es zum Flächenbrand zwischen Libyen und Afghanistan kommen? Die Frage erübrigt sich. Dieser Katastrophenzustand ist bereits erreicht – und dabei sind die seltsamsten und widersprüchlichsten Allianzen zustande gekommen.

Es ist ein tragischer Zufall, dass die Aufmerksamkeit der entsetzten Weltöffentlichkeit am gleichen Tag auf zwei Konfliktzonen - man kann schon von Kriegsschauplätzen sprechen - gelenkt wurde, die man bislang einzudämmen hoffte. Durch den Abschuss der Maschine der Malaysian Airways über dem heiss umkämpften Donbas-Revier in der Ostukraine und dem Tod der rund 300 Passagiere hat die Konfrontation zwischen dem Atlantischen Bündnis und der Russischen Föderation einen Grad der Polemik und gegenseitigen Beschuldigung erreicht, die an den Kalten Krieg erinnern. Die Blicke richten sich dabei auf den schwankenden Kurs des amerikanischen Präsidenten, der Wladimir Putin durch die Verhängung scharfer Sanktionen in die Enge zu treiben sucht und damit eine Spaltung Europas in Ost und West, in «Gute und Böse» bewirkt.

Auf noch dramatischere Weise wird Obama im palästinensischen Küstenstreifen Gaza herausgefordert. Dort haben die Streitkräfte Israels zum Vernichtungsschlag gegen die von Israel als Terroristen-Organisation qualifizierte Widerstandsbewegung Hamas ausgeholt. Es geht um die Sprengung der weit verzweigten Tunnelsysteme, aus denen die Palästinenser ein riesiges Arsenal an Raketen abfeuern. Die Zivilbevölkerung des winzigen Territoriums, auf dem zwei Millionen Menschen zusammengepfercht leben, ist einem unerbittlichen Bombardement ausgesetzt. Mehr als tausend Menschen wurden in den Tod gerissen und weltweit eine Protestwelle entfacht, in der sich Antizionismus und Antisemitismus paaren.

An der Spitze einer fanatischen Legion von Gotteskriegern, die auf zehntausend kampferprobte Veteranen aus sämtlichen Schauplätzen des Dschihad geschätzt wird, hat sich ein charismatischer Prediger, der sich Abu Bakr el Baghdadi nennt, zum Kalifen, zum Stellvertreter Allahs auf Erden, proklamiert. Mit seiner Grausamkeit und den Massenhinrichtungen angeblicher Abtrünniger vom wahren sunnitischen Glauben hat er die religiösen Exzesse der afghanischen Taliban weit hinter sich gelassen und die offizielle Armee des irakischen Regierungschefs Nuri el Maliki vor sich hergetrieben. Die einst blühende Gemeinde der irakischen Christen sucht verzweifelt nach einem Asyl im Ausland.

Die seltsamsten und widersprüchlichsten Allianzen sind zustande gekommen

Der islamische Erbstreit zwischen Sunniten und Schiiten gipfelt in einem Aussortierungsbefehl des Kalifen gegen die schiitische Bevölkerungsmehrheit Mesopotamiens sowie in dem Befehl, die Mausoleen der heiligen Imame in Najaf und Kerbela zu schänden und zu zerstören. Die Anmassung dieses fürchterlichen Befehlshabers der Gläubigen kennt offenbar keine Grenzen. Die Herrscher über die Petro-Monarchien der Arabischen Halbinsel, die sich im Besitz der einzige wahren Ausübung der sunnitischen Scharia wähnen und in Wirklichkeit allen Lastern des verderbten Westens frönen, wurden als Feinde Gottes entlarvt und sind dem tödlichen Fluch der tugendhaften Fundamentalisten verfallen.

In dieser Stimmung der Auflösung haben sich die seltsamsten Allianzen gebildet. Gegen die Terroristen des Islamischen Staates el Baghdadis haben die nach Bagdad entsandten Militär-Experten der USA und des Iran gewisse Absprachen getroffen. Russische Jagdbomber treten im verwüsteten Grenzraum zwischen Syrien und Irak aufseiten der irakischen Regierungsarmee ein. Gleichzeitig richtet sich der Zorn der sunnitischen Dynastien, die mit den ägyptischen Putsch-Offizieren bislang vordringlich gegen die angeblichen Verschwörungspläne der Muslimbrüder vorgingen, nunmehr gegen das tödliche Auftreten der Kalifat-Anhänger.

Es ist so weit gekommen, dass die hohen ägyptischen Militärs bei der Niederkämpfung der palästinensischen Hamas in Gaza die lebenswichtigen Tunnels und Grenzübergänge sprengen liessen und gegen die dort lebenden «arabischen Brüder» Partei ergriffen haben. Sogar die abgrundtiefe Feindschaft zwischen den Wahabiten Saudi-Arabiens und den Zionisten gerät neuerdings in den Verdacht einer heimlichen Komplizenschaft.

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