Notabene Peter Scholl-Latour Die Rolle des Iran

Nahost-Experte und Buchautor Peter Scholl-Latour, 89, über das Verhältnis zwischen den beiden Präsidenten Obama und Rohani.

Die amerikanische Diplomatie scheint erkannt zu haben, dass im orientalischen Raum, wo Syrien, Irak, Libanon, Afghanistan und Pakistan sich der staatlichen Auflösung nähern, die Islamische Republik Iran der einzige stabile Faktor bleibt. Man kann nur hoffen, dass bei den Verhandlungen, die in Genf geführt werden, beide Seiten kompromissbereit sind. So wird einerseits die Fertigstellung einer iranischen Atombombe «ad calendas graecas» hinausgezögert, anderseits eine Reihe von Sanktionen gegen Teheran aufgehoben, die nur das Ziel verfolgen, die breite Bevölkerung - nicht etwa die politische und religiöse Führung - auszuhungern und zu quälen.

Einem Abkommen über die Streitfragen stehen noch manche Hindernisse entgegen. Der versöhnlich auftretende iranische Präsident Rohani, der - was sensationell wirkte - mit Obama unmittelbar telefonierte, muss auf die Hardliner in den eigenen Reihen Rücksicht nehmen, seien es nun unnachgiebige Mullahs oder die Truppe der Revolutionswächter Pasdaran. Die Entscheidung dürfte weiterhin beim höchsten geistlichen Führer, Ayatollah Ali Chamenei, liegen, der angeblich eine Fatwa gegen die Fertigstellung einer Nuklearwaffe erlassen hat.

Auf Seite der USA sind die Widerstände nicht geringer. Die angebliche Nachgiebigkeit des demokratischen Präsidenten ist ein willkommenes Fressen für die Republikaner. Der amerikanische Kongress pflegt immer wieder Rücksicht zu nehmen auf die Forderungen Israels und dessen mächtige Lobby in Washington, die nicht nur den jüdischen Siedlungsbau auf dem palästinensischen West-Jordan-Ufer gutheisst, sondern die Perspektive eines atomaren Durchbruchs der iranischen Wissenschaftler als Vorläufer des Weltuntergangs darstellt.

Sensationell: Der iranische Präsident telefonierte mit Obama

Der israelische Regierungschef Netanjahu wird bei seinen Auftritten vor US-Parlamentariern stets mit «standing ovations» geehrt, er schreckt nicht davor zurück, mit einem militärischen Präventivschlag zu drohen, falls der iranische Albtraum Gestalt annehmen sollte. Dabei muss sich Netanjahu allerdings bewusst sein, dass die Bürger der USA nach dem Scheitern in Vietnam, im Irak und in Afghanistan überhaupt nicht mehr in der Stimmung sind, sich im Orient in neue kriegerische Aktionen einzulassen. Sowohl CIA als auch Pentagon raten dringend davon ab.

In Israel erinnert man sich voller Stolz an die Vernichtung, welche die israelische Luftwaffe einst gegen das Unternehmen «Osirak» des irakischen Präsidenten Hussein geführt hatte. Aber dessen nukleare Produktionsstätte «Osirak» war sehr viel näher gelegen, unzureichend geschützt und bot mit ihrem offenen Trichter ein relativ bequemes Ziel für die israelischen Piloten.

Im Iran hingegen dürften die wichtigsten Laboratorien und atomaren Anreicherungsanlagen so tief unter massivem Fels vergraben sein, das ihnen auch die von den USA gelieferten «Bunker-Buster» nur relativen Schaden zufügen könnten. Zudem müsste mit einer hoch entwickelten Luftabwehr gerechnet werden, die den Anflug feindlicher Maschinen behindern würde, ganz zu schweigen von den Angriffen, zu denen die Schnellboote der Revolutionswächter gegen den internationalen Öltransport im Persischen Golf bereitstehen. Im Übrigen befinden sich die grossen Küstenstädte Israels – von Haifa bis Tel Aviv – in Reichweite des beachtlichen Raketen-Arsenals, über das nicht nur die Mullahkratie von Teheran, sondern vor allem deren enge Verbündete im Süd-Libanon verfügen.

Mit einiger Überraschung haben Amerikaner und Europäer zur Kenntnis genommen, dass Frankreich unter seinem glücklosen Präsidenten Hollande eine Verschärfung der Sanktionen gegen Iran fordert und in der Nuklearfrage eine extrem harte Linie verfolgt. Vielleicht erinnert man sich im Elysée-Palast nicht genügend daran, dass französische Atomwissenschaftler einst am Bau der israelischen Nuklearwaffen mitgewirkt hatten, die inzwischen einen hohen Grad der Perfektionierung erreicht haben.

Auch beim Ausbau des irakischen «Osirak» soll Paris mitgewirkt haben. Unverständlich bleibt ebenfalls der französische Eifer, den syrischen Präsidenten Assad zu Fall zu bringen, ungeachtet der Tatsache, dass sich an dessen Stelle militante Islamisten etablieren würden, die sich offen zu Al Kaida bekennen und ein «Islamisches Kalifat über Irak und die Levante» anstreben.

Nimmt in Paris niemand Anstoss daran, dass nach den Enttäuschungen, die der Arabische Frühling hinterlassen hat, Frankreich als Verbündeter ultrareaktionärer Petro-Monarchien der arabischen Halbinsel - Saudi-Arabien, Katar, Vereinigte Emirate - auftritt und damit den eigenen republikanischen Idealen der Französischen Revolution den Rücken kehrt? Am Ende könnten die amerikanischen und europäischen Divergenzen angesichts der sektierischen Todfeindschaft zwischen den Schiiten Irans und den Sunniten Saudi-Arabiens - geschürt durch den Konflikt um das Heilige Land - den Zusammenhalt der Atlantischen Allianz ernsthaft auf die Probe stellen.

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