Notabene Peter Scholl-Latour Nimm dich in Acht, Europa!

Nahostexperte und Buchautor Peter Scholl-Latour, 89, über Barack Obamas Präferenz für ein verstärktes US-Engagement im Pazifik.

Seit Präsident Barack Obama verkündete, dass für ihn an Stelle des atlantischen Raums der geostrategische Raum des Pazifiks Vorrang hat, verschoben sich die Gewichte innerhalb des «Konzerts der Mächte» gründlich. Der langjährige US-Verteidigungsminister Robert Michael Gates, der unter George W. Bush und Obama wirkte, hat den Europäern in harscher Form die Leviten gelesen und ihnen zu Recht vorgeworfen, dass sie ihre Fähigkeit zur Selbstverteidigung sträflich vernachlässigen. Deshalb müssten die USA allein für eine angemessene Aufrüstung finanzielle Opfer bringen. Kein Wunder, dass Washington den in Wohlstand lebenden Deutschen zu verstehen gab, dass Amerika keinesfalls gewillt ist, die globale Spionagetätigkeit ihrer National Security Agency irgendwelchen Beschränkungen zu unterwerfen.

Mit zunehmender Geringschätzung blickt man im Weissen Haus auf die kleinlichen Querelen, welche die Europäische Union in fast allen Bereichen erschüttern. In der arabisch-islamischen Welt, wo Diplomatie und Strategie der USA von einem Rückschlag zum anderen gestrauchelt sind, versucht der unermüdliche Aussenminister John Kerry jene zahllosen Verpflichtungen abzustreifen, welche die USA leichtfertig eingegangen sind. Sollen doch die Europäer sehen, wie sie mit der Bedrohung fertig werden, die aus Nordafrika oder aus dem Orient auf sie zudrängt, seit die fanatischen Horden von Al Kaida an der Süd- und Ostküste des Mittelmeeres an Einfluss gewinnen.

Die Frage stellt sich dennoch, ob Obama mit seiner Präferenz für ein verstärktes US-Engagement im Pazifik nicht ein gewaltiges Risiko auf sich nimmt. Europa droht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Afrika erschöpft sich weiterhin in barbarischen Stammeskriegen. Der Mythos Indiens als Weltmacht wird zunehmend auf die erbärmliche Realität seines Massenelends reduziert. Russland sieht sich im Kaukasus, am Ural und längs der Wolga durch die islamische Revolution, den «Tataren-Sturm» der Neuzeit, bedrängt.

Nur die Volksrepublik China hat ein so kolossales Potenzial, dass sie in absehbarer Zeit die USA auf den zweiten Platz verweisen könnte. Bezüglich der industriellen Produktion hat das Reich der Mitte bereits den Durchbruch erzielt. Gewiss behaupten die USA - gestützt auf eine grandiose Technologie - weiterhin eine Führungsrolle und sind bislang in der Erfindung immer neuer Wunderwaffen unübertroffen. Doch man hüte sich vor Selbstüberschätzung. Die Unberechenbarkeit des bereits programmierten elektronischen «Cyber-Wars» könnte die erdrückende Überlegenheit der US-Streitkräfte infrage stellen.

Schon vor 100 Jahren gab es eine klare Verbindung zwischen Pazifik und Atlantik

Der Streit um ein paar Felsenriffe, der zwischen Peking und Tokio entbrannt ist, wird kaum durch einen gütlichen Kompromiss bereinigt. Der forcierte Ausbau von Chinas Kriegsmarine und die sensationelle Landung eines chinesischen Forschungslaboratoriums auf dem Mond deuten darauf hin, dass die Volksbefreiungsarmee auch im Südchinesischen Meer seine territorialen Ansprüche nicht preisgeben wird. Für die Führungsgremien der Kommunistischen Partei Pekings, die ihren Rückgriff auf Konfuzianismus und Maoismus zu einem explosiven Nationalismus zu bündeln suchen, ist es auf Dauer unerträglich, dass die USA im Verbund mit dem Erzfeind Japan einen nuklear aufgerüsteten Einkreisungsring um China aufbauen. Dies auch, weil eine vergleichbare Einschüchterung der USA durch chinesische Streitkräfte - etwa auf einer Karibik-Insel - in der amerikanischen Bevölkerung apokalyptische Ängste heraufbeschwören würde.

Diese fernöstlichen Machtspiele liegen weit von Europa entfernt, mag man in Berlin und Paris erleichtert feststellen. Aber im Jahr 2014, das zu zahllosen Abhandlungen über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs Anlass gibt, sollte man sich bewusst sein, dass schon vor hundert Jahren eine unmittelbare Verbindung zwischen Pazifik und Atlantik bestand. Die katastrophale Niederlage, die das Zarenreich 1906 im Krieg gegen die aufstrebende Grossmacht Japan erlitt, führte dazu, dass sich Russland von seinen ostasiatischen Expansionsgelüsten verabschiedete. Stattdessen wandte es sich seinen panslawistischen Ambitionen auf dem Balkan zu. Dort wurde mit dem Attentat von Sarajewo gewissermassen der Startschuss abgefeuert zu jenem Millionen-Massaker, das in Verdun und an der Somme einen grauenhaften und sinnlosen Höhepunkt erreichte.

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