Notabene Peter Scholl-Latour USA: Weltpolizist, nein danke!

Peter Scholl-Latour, 90, Nahost-Experte und Buchautor über die USA als Weltmacht, die sich künftig mit Interventionen zurückhalten wird, um keine weiteren Fehler zu machen.

Die europäischen Verbündeten der USA sollten die Rede mit Sorgfalt analysieren, die Barack Obama eben an der Militärakademie von West Point gehalten hat. Vor den künftigen Offizieren der US-Army hat Obama zwar beansprucht, dass Amerika weiterhin als «unentbehrliche Nation» die führende Weltmacht bleibt. Gleichzeitig hat er festgestellt, dass seit dem Zweiten Weltkrieg einer der kostspieligsten Fehler der USA nicht etwa durch zögerliche Zurückhaltung, sondern durch Voreiligkeit verursacht wurde, sich in militärische Abenteuer zu stürzen. Wer den besten Hammer besitzt, soll nicht glauben, er könne alle Probleme mit einem solchen Instrument lösen.

Tatsache ist, dass die USA seit dem Sieg im Zweiten Weltkrieg nur Rückschläge erlitten haben, wenn sie überstürzt zu Felde zogen. Die Liste reicht von Korea über Vietnam, den Irak und Libyen bis zur Fehlanalyse der Lage in Syrien, die zur Bildung einer internationalen Legion von islamischen Terroristen geführt hat. Amerika tut sich schwer damit, die Grenzen der Globalisierung zu erkennen und dem Pluralismus der Macht, mit dem es heute konfrontiert wird, Rechnung zu tragen.

Die USA werden sich künftig bei militärischen Interventionen zurückhalten

Wenn die eigenen Interessen nicht unbedingt betroffen sind, werden die USA sich künftig mit Interventionen zurückhalten. Sie erwarten von ihren Alliierten, dass sie bei der Bekämpfung feindlicher Umtriebe in Afrika und Asien ihren Beitrag zur Verteidigung der freien Welt leisten. Dabei würde Washington diese Aktionen am liebsten aus dem Hintergrund steuern und unterstützen. Die Tragik dieser Abwehrtätigkeit besteht in der Tatsache, dass die Truppen, welche die Staaten der Afrikanischen Union zur Verfügung stellen, sich im Kampfeinsatz ähnlich verbrecherisch verhalten wie die Horden der diversen Aufstandsbewegungen zwischen Mesopotamien und der Sahara.

Was die europäischen Partner des Atlantikpaktes betrifft, so ist die Verstimmung gross im Weissen Haus. Zwar hat der französische Präsident Hollande seine Luftwaffe mit unterwürfigem Eifer sogar in Syrien zur Verfügung stellen und so mit der traditionellen Rolle Frankreichs als Schutzmacht der im Orient lebenden Christen brechen wollen. In Mali haben die Spezialeinheiten der französischen Armee bewiesen, dass sie über kriegerische Tugenden verfügen. Dabei sind sie jedoch auf die Logistik und Versorgung durch die amerikanische Supermacht angewiesen.

Grössten Ärger löst das Verhalten Deutschlands aus, das sich in seiner wirtschaftlichen Überlegenheit, in der Rolle der Führungsmacht Europas sonnt, jedoch das Budget seiner Streitkräfte massiv reduziert hat. Nüchtern ist festzustellen, dass die deutschen Vorstellungen von der Schaffung eines friedlichen Afghanistans total gescheitert sind und die Truppe ihre Festungen von Mazar-e-Scharif und Kundus kaum je zum Kampfeinsatz verlassen hat. Dass der Afghanistan-Einsatz in einer eindeutigen Niederlage endete, will Berlin offenbar nicht eingestehen. Stattdessen stemmen sich die Deutschen - aus guten Gründen übrigens - gegen eine Verschärfung der Sanktionen gegen Russland, mit denen die USA den drohenden Bürgerkrieg in der Ukraine zu verhindern glauben.

Der deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen fällt, um Freiwillige für die Bundeswehr zu rekrutieren, nichts Besseres ein, als diesen Soldaten, die im Vergleich zu ihren amerikanischen, britischen und französischen Kameraden ohnehin verwöhnt sind, zusätzlichen Komfort durch individuelle Fernsehgeräte, Kinderkrippen und Familienbetreuung anzubieten. Dabei wird das Ansehen einer Truppe doch gerade daran gemessen, wie hart und elitär ihre Ausbildung ist. Wenn die amerikanischen Seals, die britischen Marines oder die französischen Paras in ihren Ländern Unterstützung geniessen, so resultiert das aus dem Geist einer Leistungsgemeinschaft, die nur durch strengste Auslese entsteht.

Wie wird das pazifistische Deutschland auf den Krieg der Zukunft reagieren, den die USA «dirty war» nennen? Ein Krieg mit heimtückischen Drohnen, geführt von privaten Firmen, deren professionelle und oft skrupellose Söldner das letzte Aufgebot von Pentagon und CIA bilden. Die deutschen Politiker sollten bedenken, dass eine bequeme, kampfuntaugliche Bundeswehr sich in der Stunde der Bewährung dem Vorwurf der Würdelosigkeit aussetzen könnte.

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