Notabene Peter Scholl-Latour Das Kalifat des Bösen

Peter Scholl-Latour, 90, Nahost-Experte und Buchautor über Kalif Abu Bakr und den «Islamischen Staat in Irak und Syrien» (Isis), der sich gegen die US-Hegemonie und die europäische Bevormundung richtet.

Genau 90 Jahre ist es her, da wurde der letzte Kalif, Statthalter Allahs auf Erden, vom Gründer der modernen Türkei, Kemal Pascha - genannt Atatürk - ins Schweizer Exil verbannt. Vier Jahrhunderte lang hatte der Sultan des Osmanischen Reiches die höchste Würde des sunnitischen Islam ausgeübt. Dieser Anspruch war stets umstritten. Als der letzte «Padischah» als Verbündeter Deutschlands und Österreich-Ungarns seine Gläubigen im Jahr 1914 zum Heiligen Krieg gegen die Entente-Mächte England und Frankreich aufrief, stiess er auf wenig Widerhall. Stattdessen lehnten sich die Beduinen der Wüste und die Städter der Levante gegen die türkische Fremdherrschaft auf und suchten ihr Wohl im panarabischen Nationalismus. Spätestens seit der Tragödie des «Arabischen Frühlings» wissen wir, dass diese Ausrichtung auf prowestliche Staats- und Gesellschaftsmodelle dramatisch gescheitert ist.

Haben die islamischen Staaten zwischen Pakistan und Marokko wirklich nur die Wahl zwischen einer brutalen Militärdiktatur wie in Ägypten unter Marschall Abdel Fattah al-Sisi, zwischen dem Bürgerkrieg, wie zurzeit in Libyen oder Jemen, und einem auf die Scharia gründenden Gottesstaat?

In Syrien und Irak entstand in den letzten Monaten ein Gebräu aus religiösem Fanatismus, mörderischer Todeslust und triumphalem Selbstbewusstsein. Aus dem Nichts ist der islamischen Welt ein neuer Kalif erstanden, der mit seiner Namenswahl Abu Bakr beim Schwiegervater des Propheten Mohamed anknüpfen will, dem ersten Kalifen, den die Sunniten bis auf den heutigen Tag als «Rechtgeleiteten» verehren.

Abu Bakrs Dschihadisten haben selbst die westlichen Geheimdienste überrascht

Die westlichen Nachrichtendienste, die so viel Verantwortung tragen für das Chaos in Syrien und Irak, waren total überrascht, als neben bisher auf Al Kaida ausgerichteten islamischen Aufstandsbewegungen plötzlich eine stählerne Macht daherkam, die im Handstreich Mosul, die zweitgrösste Stadt des Irak, eroberte und bis an die Tore Bagdads vorstiess. Die Kerntruppe dieses neuen «Islamischen Staats in Irak und Syrien» (Isis) setzt sich aus kampferprobten Dschihadisten aus dem Kaukasus, Afghanistan, Libyen, Algerien und Pakistan zusammen. Sie riss die Führung einer weltweiten, bislang kontrollierbaren Auflehnung an sich, die sich gegen die US-Hegemonie, europäische Bevormundung und vor allem die Heuchelei der eigenen Potentaten in den Öl-Monarchien der Arabischen Halbinsel richtet. Wer hatte vor ein paar Monaten den geheimen Inspirator Abu Bakr el Baghdadi gekannt, der sich auf eine Partisanen-Garde von 10'000 «Gotteskriegern» im Irak und auf 6000 bis 8000 in Syrien stützt und im Gegensatz zu den Erben Osama bin Ladens das Abschlachten von Abtrünnigen oder Schiiten gutheisst.

Mit Isis, dem Teilstaat in Syrien und Irak, hat sich Baghdadi, der unheimliche Prediger des Terrors, der die Divisionen der Regierungsarmee von Bagdad zur panischen Flucht und Auflösung zwang, nicht zufriedengegeben. Er rief sich zum Kalifen aus, zum Befehlshaber der Gläubigen und Schatten Allahs auf Erden. Er fordert für sich auch die Vorrechte dieser geistlichen und willentlichen Herrschaftsform. Die «Umma» (Weltgemeinschaft), über die er gebieten will, reicht von Marokko bis Indonesien und nennt sich «Islamischer Staat».

In der syrischen Provinz der Hauptstadt Raqqa hat der neue Kalif, den viele als Usurpator empfinden, bereits ein Regime puritanischer Unduldsamkeit und grausamer Justizvollstreckung errichtet. Dies wird unter den gemässigten irakischen Sunniten, den früheren Gefolgsleuten Saddam Husseins oder den Nomaden-Beduinen-Stämmen dazu führen, dass sie dem neuen Kalifat, das immense Beutegüter besitzt, auf Dauer die Gefolgschaft versagen dürften.

Aber zur Stunde übt das fürchterliche Experiment auf die Masse der fanatisierten, rebellischen Jugendlichen eine finstere Faszination aus. Nicht nur die Schiiten des Irak fühlen sich durch den Rückfall in eine Todfeindschaft mit den Sunniten existenziell bedroht.

Der Aufruf Baghdadis zum Heiligen Krieg und zur Ausrottung der Heuchler und Gottesfeinde richtet sich in erster Linie gegen die eigenen Potentaten, die mit Amerika und geheim sogar mit Israel paktieren. Das saudische Königshaus, als Wächter der heiligen Stätte Mekka und Medina, hat offenbar die Gefahr erkannt und mobilisiert seine Streitkräfte an den expandierenden Grenzen des Kalifats.

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