«Senkrecht» mit Natascha Knecht

Sammle Momente, nicht Dinge

Natascha Knecht, 48, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, sinniert über ihre Sucht nach den Bergen und muss dabei über eine Aussage von Reinhold Messner nachdenken.

Die Leute in meinem Umfeld wissen es seit Jahren: Ich leide an einer schweren Sucht. Ja, es ist so: Ich bin süchtig nach den Bergen, der Natur, dem Klettern. Wenn ich länger als eine Woche nicht an die frische Hochalpenluft komme, zeigen sich bei mir Entzugserscheinungen. 

Ich brauche regelmässig meine Dosis Felsen, Gletscher und Pulverschnee. Sonst werde ich unruhig und unglücklich. Und wie alle Süchtigen richte ich mein ganzes Leben darauf aus, mein Verlangen zu stillen. Rucksack, Seil und Pickel zählen zu meinen wichtigsten Freunden. Der Berg ruft? Nein, er brüllt!

Nun las ich allerdings eine Aussage von Reinhold Messner, die mir zu denken gab. Er ist der berühmteste Alpinist der Welt, einer der ganz grossen Pioniere, einer vom Fach – und einer, der noch bergsüchtiger ist als ich. In einem Interview wurde er gefragt, ob Bergsteigen Spass machen dürfe. Oder ob es nur «richtiges» Bergsteigen sei, wenn man fürchterlich leide und eine Grenzerfahrung überlebe. Messner antwortete mit klaren Worten: «Bergsteigen darf Spass machen. Aber es macht fast keinen Spass.»

Was? Bergsteigen macht fast keinen Spass? Das sagt Messner? Ich verstand die Welt nicht mehr. Doch jedes Mal, wenn ich jetzt einen gefrorenen Wasserfall hochklettere oder mit Tourenski auf ein Horn felle, kommt mir seine Äusserung in den Sinn. Inzwischen muss ich eingestehen: Herr Messner hat recht. Bergsteigen macht fast keinen Spass!

Wenn ich ehrlich bin, hört bei mir der Spass schon vor der Tour auf. Spätestens wenn mein Wecker um 4 Uhr klingelt. Im stickig-stinkigen SAC-Matratzenlager. In dieser Herrgottsfrühe aufzustehen, wird für mich immer eine Grenzerfahrung bleiben. Und in einem vollen Massenschlag mit schnarchenden Alpinisten zu nächtigen, verlangt mir extreme Leidensfähigkeit ab.

Was nach dem Aufstehen folgt, ist ebenfalls kein Spass: Draussen peitschen mir Wind, Wetter und Kälte ins Gesicht. Jetzt, zu Beginn der Skihochtourensaison, sind Temperaturen von minus 20 Grad Celsius normal. Der Weg auf einen Viertausender führt über menschenfeindliche Abgründe und durch ein tückisches Labyrinth von hungrigen Gletscherspalten. Es ist anstrengend, steil, mühselig. Ich schwitze und friere gleichzeitig. 

Mein innerer Schweinehund nimmt den Kampf gegen mich auf und versucht, meinen Willen zu schwächen. Zwar versuche ich dagegenzuhalten. Aber irgendwann komme ich meistens an den Punkt, an dem ich mich frage: Was mache ich hier eigentlich? Und das noch frei-willig? Wann kommt endlich der depperte Gipfel? Ist es noch weit?

Die Gefühle auf einem Berg berauschen - und machen süchtig

Doch wie heisst es so poetisch: «Sammle Momente, nicht Dinge.» Nirgends erlebe ich intensivere Empfindungen als im Gebirge. Wenn der Tag anbricht, wir bereits über 3000 Meter sind und die Sonne plötzlich über die Bergkette hervorblinzelt, werden die Emotionen gross. Jede Anstrengung, jedes Leiden ist augenblicklich vergessen. Erreiche ich dann den depperten Gipfel, sind die Gefühle unbeschreiblich. Überwältigend. Berauschend.

Ja, es ist so. Der Alpinismus macht keinen Spass, aber Freude – und süchtig. Fragen Sie Reinhold Messner. 

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Natascha Knecht am 5. März 2018, 14.52 Uhr