«Senkrecht» mit Natascha Knecht Mein erstes Mal

Natascha Knecht, 47, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, sinniert über ihre erste Autogrammkarten-Anfrage.
Natascha Knecht Notabene
© Geri Born

Natascha Knecht, 48, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin.

Von Leser M. S. aus O. flatterte mir kürzlich Post ins Haus. Und zwar nicht irgendeine Post. Sondern die schmeichelhafteste Zuschrift, die mich in meiner gesamten beruflichen Laufbahn je erreicht hat. Was ich las, konnte ich fast nicht glauben: «Guten Tag Frau Knecht. Möchte gerne eine Autogrammkarte mit persönlicher Widmung von Ihnen. Herzlichen Dank! Wünsche Ihnen alles Gute!»

Eine Autogrammkarte? Von mir? Erst dachte ich, Herr S. erlaube sich einen Scherz. Aber er hatte ein frankiertes und adressiertes Rückantwort-Couvert beigelegt. Es war ihm also ernst. Was sollte ich da tun, ausser mich gebauchpinselt zu fühlen? Denn wo ich herkomme, aus dem hintersten Berner Oberland, erhalten wir nicht jeden Tag solche Anfragen. Ausser man ist ein alt Bundesrat oder sonst prominent. Und das bin ich ja nicht. Ich habe zwar zwei Bücher geschrieben, halte gelegentlich Lesungen und freue mich jeweils sehr, wenn mich jemand bittet, ein Buch zu signieren. Nach einer Autogrammkarte fragte mich jedoch noch niemand.

Herr S. ist der Erste – und er versetzte mich für ein paar Momente in Hochstimmung. Gleichzeitig realisierte ich, dass er mir auch ein Problem aufgebürdet hat. Denn ich besitze gar keine eigenen Autogrammkarten! Was antworte ich ihm nun? Die Wahrheit?

Eine Freundin riet mir, ich solle ihm doch «irgendeine schöne Postkarte unterschreiben und schicken». Eine andere Kollegin meinte dagegen: «Eine Autogrammkarte ist nicht einfach eine Karte – sondern eine mit dem eigenen Bild darauf.» Stimmt. Aber wäre es nicht übertrieben, wegen einer einzelnen Anfrage extra Autogrammkarten drucken zu lassen? Ich war überfordert. Und so blieb die Post mehrere Wochen unbeantwortet auf meinem Pult liegen.

Ein Autogramm von Roger Federer gibts auf eBay für 97 Franken

Aus der Patsche halfen mir schliesslich meine lieben Freunde aus der Redaktionsgrafik. Alles junge, flotte Leute. Sie gestalteten eine professionelle Autogrammkarte mit meinem Konterfei drauf und liessen sie drucken. In einer exklusiven Auflage von vier (!) Stück – damit ich Vorrat habe, wie sie mit einem Augenzwinkern sagten.

Herr S. bekommt nun meine allererste Karte – mit Originalunterschrift und persönlicher Widmung. Beides ist für Autogrammsammler anscheinend wichtig und erhöht den Wert einer Karte. Auf eBay gibt es derzeit Autogramme von Helene Fischer für 35 Euro zu kaufen und von Roger Federer für 97 Euro.

Ein von Elvis Presley signiertes Porträtfoto kostet 4 000 Franken, eines von Mond-Astronaut Neil Armstrong 6 000 Franken. Teurer ist die Unterschrift von Albert Einstein (12 000 Franken). Zu den Spitzenreitern gehört ein von Napoleon unterschriebener Brief oder ein handschriftlicher Brief des englischen Königs Heinrich VIII (60 000 Franken).

Den Wert meiner Autogrammkarte schätze ich auf 2 Franken. Höchstens. So viel hat Herr S. für das Porto ausgegeben. Aber Geld ist schliesslich nicht alles, was zählt. Ich danke Herrn S. jedenfalls herzlich für die Wertschätzung – und meinen lieben Freunden aus der Grafik für die Hilfe.

Neu auf Instagram: Folgen Sie dem Fotoblog von Natascha Knecht!

Im Dossier: Alle Beiträge der «Schweizer Illustrierte»-Kolumnisten

Auch interessant